Christa Wolf erinnert sich an ihre Stasi-Mitarbeit.

Mit ihrem neuen Buch („Roman“ genannt) „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ ist Christa Wolf unversehens und gewiss ohne Absicht in den Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten geraten. Der Kandidat von SPD und Grünen, Joachim Gauck, ist 1993, als ruchbar wird, dass Wolf von 1959 bis 1962 als inoffizielle Mitarbeiterin für die Stasi gearbeitet hat, Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Seinerzeit sind Einzelheiten aus den Akten Wolfs an die Öffentlichkeit gelangt. Sie schreibt daraufhin von Kalifornien aus, wo sie ein Stipendium wahrnimmt, an Gauck, „dass diese Handhabung der Aktenausgabe an die Presse stark dazu beigetragen hat, meinen Ruf zu vernichten“. Gauck antwortet, dass seine Behörde den Medien im Prozess der Aufarbeitung der Stasi-Akten Akteneinsicht gewähren müsse, „selbst wenn das Niveau der Berichterstattung sehr unterschiedlich und oftmals auch einseitig und verzerrt ist“.

Jens Jessen verlangt in der „Zeit“ (17.6.) „Gerechtigkeit für Christa Wolf“. Die Schriftstellerin gäbe in ihrem Buch dem von Selbstgerechtigkeit und Larmoyanz gekennzeichneten alten Selbstbild den Abschied. „Es ist der grandios bis zum Quälenden inszenierte Abstieg von den Eiseshöhen der sozialistischen Tugend, den die Autorin beschreibt. Sie erspart sich – und dem Leser, wie man zugeben muss – nichts, keinen Umweg, keine Ausflüchte, keine Rückfälle in alten Gewissenshochmut. Sie gibt sogar zu, von ihrer Täterakte schon vor der Öffentlichkeit gewusst zu haben, …Mit bösem Willen könnte man hier von einem Manöver sprechen, sich abermals zu exkulpieren – denn was ist ein schmaler IM-Vorgang gegen über vierzig Bände der Verfolgung durch die Stasi? So ist es aber nicht.“ Im Falle Christa Wolfs handelt es sich darum, dass die Autorin nach ihrere eigenen Mitarbeit bei der Stasi danach über Jahrzehnte von dieser ausspioniert worden ist. Typisch für die DDR. „Unter der kalifornischen Sonne, angesichts des weiten pazifischen Ozeans wird Christa Wolf demütig, sanft und weich, und dies nicht als neue Prätention. … Man kann das Kitsch nennen, es ist aber als Zeichen der neuen Demut auch überwältigend – und kindlich schlicht.“

Verwundert ist Jens Jessen allenfalls darüber, dass Christa Wolf sich so darstellt, als ziehe sie in allen politischen Systemen Hass und Misstrauen auf sich. „Alles in allem erscheint ihr der Kapitalismus als keine satisfaktionsfähige Alternative zum Sozialismus, mag dieser sie auch noch so desillusioniert haben. Worauf eigentlich, das ist die implizite Leitfrage des Romans, beruht die moralische Überlegenheit, mit der meine westlichen Kritiker mich meinen abkanzeln zu können?“

Auch Richard Kämmerlings sieht in Christa Wolfs „Roman“ ein bemerkenswertes Buch (FAZ 19.6.). Er empfindet es aber schon als ein starkes Stück, dass die Autorin angesichts der USA-Kritik vieler junger Amerikaner „Parallelen zu totalitären Verhältnissen“ dort suggeriert. Auf diese Weise bemüht sich Christa Wolf eben doch, sich zu rechtfertigen. Für sie liegen die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in der DDR und in den USA auf einer Ebene, eine krasse Fehleinschätzung. Kämmerlings hält ihr aber zugute, dass Wolf ihre Unterschrift gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 nicht zurückgezogen habe. Nach seiner Auffassung  tritt bei Christa Wolf neben den Geschichtspessimismus eine „christliche Erlösungshoffnung“. Bei einem Besuch in einer Kirche wird die Autorin mitgerissen „und empfängt sogar die Kommunion. In der Predigt geht es um das Wunder der Sündenvergebung.“

Tilman Krause („Die Literarische Welt“ 19.6.) findet die Schriftstellerin bei ihrer Lesung in Berlin wieder „ungekünstelt, sachlich, bescheiden“. Er zitiert in Bezug auf die DDR Wolfs Satz „Ja, wir haben diese Land geliebt.“ „Der Eindruck, der sich letzlich einstellt, ist der von großer innerer Wahrhaftigkeit. Ja, sie ist ganz sie selbst, in ihrem schweren, von Krankheiten und Medikamenten gezeichneten Körper, in ihrer protestantischen, nüchternen Art. Und das schafft Aura. Sollte es am Ende das sein, was uns der Osten oft voraushat?“ Ja, wenn das die protestantische Art ist! Elmar Krekeler gibt Christa Wolf in seinen „Kopfnoten“ in der „Welt“ (19.6.) die Note 1. „Jetzt hat sie unter Schmerzen einen neuen Roman abgeschlossen, präsentiert ihn und sich. Und siehe da: All das hat im stets hysterischer werdenden Literatur- und Kulturbetrieb offenbar gefehlt. Diese Ernsthaftigkeit. Diese strenge Aura. Diese Authentizität. Christa Wolf hat die letzten übelriechenden Wolken des Hegemann-Wahns verjagt.“ Nun muss Helene Hegemann auch noch dafür herhalten, Christa Wolfs Roman aufzuwerten. Hauptsache es ist alles protestantisch, schlicht und kindlich!

Ausführlicher und nüchterner geht Lothar Müller in der SZ (19./20.6.) auf Christa Wolfs Buch ein. Für ihn hätte es der Fiktionalisierung des autobiografisch fundierten Stoffes nicht bedurft. „Aber so stark war diese Sehnsucht nach dem Roman, dass sie dem Buch zum Titel ‚Stadt der Engel‘ noch einen nicht minder literarischen, zudem englisch formulierten Untertitel bescherte: ‚The Overcoat of Dr. Freud‘. Diesen Mantel Sigmund Freuds, …, gibt es nicht. Er ist seinem Nachbesitzer abhanden gekommen, dafür aber zu einer Schlüsselmetapher in Christa Wolfs Buch geworden. Er taucht immer dann verlässlich auf, wenn das erzählende Ich des Trostes bedarf. … Er ist das Gegenbild zur Akte, verkörpert die Utopie der befreienden Erinnerung.“

Müller dringt zu dem Kern dessen vor, das uns Wolfs Spitzeltätigkeit der Jahre 1959 bis 1962 erklärt, obwohl die Autorin kürzlich noch die DDR nicht als „Diktatur“ und „Unrechtsstaat“ bezeichnen wollte. Das erzählende Ich formuliert: „Revolutionäre Maßnahmen können für die von ihnen Betroffenen hart sein, die Jakobiner waren nicht zimperlich, die Bolschewiki auch nicht. Wir hätten ja gar nicht bestritten, dass wir in einer Diktatur lebten, der Diktatur des Proletariats. Eine Übergangszeit, eine Inkubationszeit für den neuen Menschen, versteht ihr?“ Von diesen Inkubationszeiten und den daraus hervorkommenden neuen Menschen haben wir viel kennen gelernt, wir haben davon genug.

Im „Spiegel“-Interview (14.6.) teilt Christa Wolf mit, dass es Günter Gaus gewesen ist, der Journalist und langjährige Leiter der ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR, der ihr ihre eigene Stasi-Täter-Akte, die sie eigentlich nicht einsehen durfte, 1993 nach Kalifornien mitgebracht hat. Zur Kandidatur Gaucks will sie nicht Stellung nehmen. Die „Spiegel“-Interviewer (Susanne Beyer und Volker Hage) halten der Autorin vor: „In ihrem Buch wird nicht ganz klar, wie Sie heute zu diesem Staat stehen.“ Dann fragen sie: „Es leuchtet nicht ein, warum Sie das Buch, das Sie doch sehr nahe an Ihrem authentischen Erleben entlang erzählen, in Teilen auch fiktionalisiert haben. Wollten Sie durch die Fiktionalisierung den eigentlichen Konflikt, den Sie schildern – die Auseinandersetzung mit der eigenen Person und die öffentlichen Reaktionen darauf – , von sich wegrücken?“ Christa Wolf antwortet: „Nein, Sie haben ja selbst gesehen, dass ich gerade bei den Teilen, die diese Konflikte schildern, nahe an den tatsächlichen Ereignissen entlang erzähle. Anderes habe ich erfunden, viel mehr, als sie wohl glauben würden. Das gehört zur Vielschichtigkeit, die ich anstrebe. Ebenso wie es sich natürlich versteht, dass die Ich-Erzählerin nicht identisch mit der Autorin ist.“

Bei dem Bemühen um die Erinnerung an die DDR geschieht häufig das Gleiche. Die Verantwortlichen fühlen sich nicht verantwortlich. Sie können sich nicht mehr genau erinnern (wie Günter Grass an seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS). Sie beschönigen und verwenden tatsächlich gegebene Missstände im realen Kapitalismus zur Relativierung der Mängel im realen Sozialismus. Usw. Anscheinend werden bewusst Begriffe wie „Unrechtsstaat“ in die Debatte eingeführt, mit denen tatsächlich nicht gut zu arbeiten ist. Die Frage lautet: War die DDR ein Rechtsstaat, also ein Staat, in dem jegliches Handeln, auch das staatliche, juristisch überprüft werden konnte? Hier lautet die Antwort natürlich: Nein. Vieles davon haben Christa Wolf und andere noch nicht begriffen. Und wir verstehen, warum von der „Linken“ Joachim Gauck gehasst wird und sie seine Kandidatur zum Bundespräsidenten bekämpft. Sie hat zu Recht ein schlechtes Gewissen.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.