1205: Briefwechsel Peter Suhrkamp – Annemarie Seidel 1935-1959

An den jahrelangen bitteren Machtkampf im Suhrkamp Verlag und an die Querelen um den Umzug von Frankfurt nach Berlin erinnern viele sich noch allzu gut. Dass der Suhrkamp Verlag in der deutschen Publizistik nach 1945 eine überragende Rolle spielt, kann keine Frage sein. Er trägt den Namen von Peter (eigentlich: Johann Heinrich) Suhrkamp, der 1936 und 1950 jeweils auf eigentümliche Weise in seinen Besitz kam. Das ist eine heute noch nicht voll aufgeklärte Geschichte. Für die einen ist Peter Suhrkamp der aufrechte Widerstandskämpfer, der die Reste des S. Fischer Verlags erfolgreich über die Nazizeit gebracht hat, für die anderen hat er sich „seinen“ Verlag ergaunert.

Licht ins Dunkel bringen könnte der Briefwechsel

Peter Suhrkamp – Annemarie Seidel: „Nun leb wohl! Und hab’s gut!“ Briefe 1935-1959. Hrsg. von Wolfgang Schopf. Berlin (Suhrkamp) 2016, 847 S., 48,00 Euro.

Aber das geschieht nur partiell. Der hochdekorierte Stoßtruppführer des Ersten Weltkriegs, Peter Suhrkamp, verliebte sich Anfang der dreißiger Jahre in Annemarie Seidel. Sie heirateten 1935. Von da an bis zum Tod Suhrkamps 1959 datieren die 345 Briefe, die eine große und schmerzhafte Lektüre bereiten. Für Peter Suhrkamp war es die vierte Ehe. Einen Tag nach seinem Tod hätte sie geschieden werden sollen.

Der oldenburgische Bauernsohn aus Munderloh (über dieses Dorf gibt es einen Band mit Erzählungen von Peter Suhrkamp aus dem Jahr 1957), wo meine Schwägerin

Barbara Diepold

von 1963 bis 1967 Lehrerin war, hatte vor und nach dem Ersten Weltkrieg Germanistik studiert und als Lehrer gearbeitet, bevor er 1929 für den S. Fischer Verlag Herausgeber der „Neuen Rundschau“ wurde und im Feuilleton des „Berliner Tageblatts“ arbeitete. 1932 wurde Suhrkamp Mitarbeiter bei S. Fischer.

Briefe schrieben sich Suhrkamp und Seidel hauptsächlich dann, wenn sie getrennt waren. Suhrkamp versuchte im Nationalsozialismus den Spagat zwischen Integrität und Verrat. Ein lebensgefährliches Projekt. Wegen des Verdachts der Vorbereitung des Hoch- und Landesverrats wurde der Verleger 1944 von der Gestapo verhaftet. Er kam ins Gestapo-Gefängnis Lehrter Straße und ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Hier wurde seine schon im Ersten Weltkrieg schwer lädierte Gesundheit endgültig zerstört. Im Februar 1945 wurde er todkrank entlassen.

In der Haftzeit nehmen die Briefe an Zahl und Intensität zu. Das Paar ist rührend umeinander besorgt. Suhrkamp macht sich Sorgen wegen Seidels starkem Alkohol- und Tablettenkonsum. Er hat Verbindungen zu den Nazis, die dem S. Fischer Verlag, der 1936 aufgeteilt worden ist, zugute kommen. Gottfried Bermann Fischer hatte mit dem Teil des Verlagsprogramms, der wie die Bücher von Thomas Mann nicht mehr in Deutschland gedruckt werden konnte, Deutschland verlassen. Suhrkamp suchte sich Kommanditisten und übernahm den Rest. Er pflegte enge Beziehungen zu seinen Autoren. Seinen Verlagsanteil als persönlich haftender Gesellschafter finanzierte seine Frau, die zeitweise im Verlag arbeitete. Sie zog sich häufig in ihr Haus in Kampen auf Sylt zurück (1953 kauft es Axel Springer). Die Nazis erzwangen den Namen Suhrkamp Verlag.

In den Briefen ist immer mehr von der Verlagsarbeit die Rede. „Es kann mir ja vieles, sehr vieles schief gehen, …“ „Ich spüre genau, wann du mir Hilfe schickst; und ich nehme mich auch zusammen und schüttle Düsterkeiten möglichst bald ab, damit du nicht darunter zu leiden hast.“ 1945 bekommt Peter Suhrkamp die erste Verlagslizenz der britischen Militärregierung. Aber die lange geplante Zusammenlegung der beiden Verlage scheitert 1950. War 1936 doch einen „Arisierung“ gewesen? Die meisten Autoren votieren für Peter Suhrkamp. Hermann Hesse setzt sich besonders für den neuen Verlag ein. Peter Suhrkamp lanciert die Edition Suhrkamp (Tilman Lahme, FAZ 26.3.16).

Suhrkamp und Seidel leben seit 1950 nicht mehr zusammen. Zu einer Scheidung kommt es aber nicht, weil einen Tag vor dem geplanten Termin der schwerkranke Peter Suhrkamp stirbt. Den Suhrkamp Verlag übernimmt als alleiniger Gesellschafter Siegfried Unseld, der seit 1951 dort Mitarbeiter war. Bei Suhrkamp werden Autoren verlegt wie Theodor W. Adorno, Samuel Beckett, Bertolt Brecht, Max Frisch, Carl Zuckmayer, Thomas Bernhard, Martin Walser und viele andere prominente Schriftsteller.

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