1198: Gottfried Benn wollte Sterbehilfe.

1977, 1979 und 1980 erschienen die 750 Briefe Gottfried Benns (1886-1956) in drei Bänden an seinen kongenialen Briefpartner Friedrich Wilhelm Oelze (1891-1978), einen Bremer Kaufmann.

Gottfried Benn: Briefe an F.W.Oelze 1932-1945, 1945-1949, 1950-1956. Herausgegeben von Harald Steinhagen und Jürgen Schröder. Wiesbaden und München (Limes) 1977, 1979, 1980. Insgesamt 1.238 S.

Diese Ausgabe hatte ich für meine Benn-Lesung zum 100. Geburtstag des Dichters am 2. Mai 1986 Im „Jungen Theater“ Göttingen voll „ausgeschlachtet“ (seinerzeit zahlenmäßig ein großer Erfolg bei ausverkauftem Haus um 22.30 Uhr).

Nun ist im Wallstein-Verlag die Ausgabe mit den knapp 600 Gegenbriefen Friedrich Wilhelm Oelzes erschienen.

Gottfried Benn – Friedrich Wilhelm Oelze: Briefwechsel 1932-1956. 4 Bände. Göttingen (Wallstein), 2.334 S., 199 Euro.

„Der Spiegel“ (12.3.16) hat öffentlich gemacht, dass Benn 1956 angesichts seiner schweren Krebserkrankung von seiner Frau Ilse Benn, einer Zahnärztin, Sterbehilfe verlangt hat. In einem Brief an Oelze vom 16. Juni 1956 heißt es: „Über meinen Zustand gibt es keinen Zweifel mehr, es lässt mich aber ziemlich gleichgültig. Nur leiden will ich nicht, Schmerzen sind etwas Entwürdigendes. Meiner Frau, die mir in diesen Tagen sehr nahe ist, habe ich das Versprechen abgenommen, dass sie mir die letzte Zeit erleichtert, es wird alles rasch zu Ende gehen.“

Die Quelle dieser Aussage ist eine etwas zweifelhafte Zuschrift an die Herausgeber Harald Steinhagen, Stephan Kraft und Holger Hof. Aber wer hier auch immer ein Interesse daran hat, durch Geheimniskrämerei die Aufmerksamkeit für Benn zu erhöhen. Der zitierte Brief entspricht voll und ganz der Lebenseinstellung Benns. Er ist ja der Dichter, der sich zwar 1933 politisch vollkommen vergaloppiert hatte, in seinen Gedichten und Essays aber wie kaum ein Zweiter unser Leben verstanden, es seziert und analysiert hat. Das ist keine warme Luft, sondern kalte Analyse (in sprachlich wunderschöner Form).

Das ist nichts für alle, aber für Leser.

Benn ließ den oben zitierten Zeilen an Oelze die Aussage folgen: „Jene Stunde … wird keine Schrecken haben, seien Sie beruhigt, wir werden nicht fallen, wie werden steigen -/ Ihr B.“ (Gisela Trahms, Literarische Welt 12.3.16; Friederike Reents, FAZ 19.3.16)

„Nur zwei Dinge

Durch so viel Formen geschritten,/ durch Ich und Wir und Du,/ doch alles blieb erlitten/ durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage./ Dir wurde erst spät bewusst,/ es gibt nur eines: ertrage/- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage -/ dein fernbestimmtes: du musst.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,/ was alles erblühte, verblich,/ es gibt nur zwei Dinge: die Leere/ und das gezeichnete Ich.“ (1953)

 

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