346: Durch „Fracking“ neue weltpolitische Machtverteilung

Die USA erleben seit einigen Jahren einen neuen Ölboom. Er kommt vom „Fracking“. „Fracking“ (eigentlich „Hydraulic Fracturing“) ist eine neue Fördertechnologie für Erdöl und Erdgas (SZ 1.2.13). Dabei wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und (zum Teil sehr giftigen) Chemikalien so unter hohem Druck in den Boden gepumpt, dass tief liegenden Gesteinsschichten aufgebrochen werden. So lassen sich Öl- und Gasvorkommen lösen, die im Gestein eingeschlossen sind. Das ist aufwendig und teurer als die konventionelle Art der Förderung, lohnt sich aber bei einem Ölpreis von mehr als 70 oder 80 Dollar pro Barrel. Deswegen wird die neue Fördertechnik kommen, auch wenn Umweltschützer vor schädlichen Nebenwirkungen warnen. Dadurch lassen sich neue Ölvorkommen in großem Maße erschließen.

Das hat in den USA den neuen Ölboom ausgelöst. Denn dort lässt sich durch „Fracking“ Öl in großen Mengen gewinnen. Ein drastisches Absenken der Ölimporte kann erreicht werden. 2005 kauften die USA noch 60 Prozent ihres Öls auf dem Weltmarkt ein, heute sind es nur noch etwas mehr als 40 Prozent. Die USA können bald einen Großteil des eigenen Ölbedarfs aus eigener Förderung decken. Ähnlich sieht es beim Gas aus. Zwischen 2010 und 2035 werden die USA vom Importeur zum Exporteur von Gas werden, so die International Energy Agency (IEA).

Dadurch kann der Ölimport aus den Petromonarchien am Persischen (Arabischen) Golf reduziert werden. Die Opec schätzt, dass bis 2035 der Export von nahöstlichem Öl nach Nordamerika auf Null sinkt. Zum ersten Mal in ihrer jüngeren Geschichte werden die USA nicht mehr vom Öl aus dem Nahen Osten abhängig sein. Das verändert die weltpolitische Machtverhältnisse von Grund auf. Denn dann brauchen die Vereinigten Staaten in der Region nicht mehr als Ordnungsmacht aufzutreten wie bisher. Diese Rolle hatten die USA seit Präsident Jimmy Carter 1980, als er von den „vitalen Interessen“ der Amerikaner dort sprach.

Den freien Fluss von Öl in den Westen zu sichern, war seither das Leitmotiv der US-Außen- und Sicherheitspolitik. Die Europäer profitierten davon, ohne sich immer bündnispolitisch erkenntlich zu zeigen. Vielmehr zeigten sie manchmal mit dem Finger auf die USA und bekundeten ihre Friedensbereitschaft. Die energiepolitische Lage war der Grund für die Unterstützung diktatorischer Regimes in der Region durch die USA und für militärische Interventionen wie zum Beispiel den ersten Golfkrieg gegen den Irak. Um die wichtigste Öltankerroute – die Meerenge von Hormus – zu schützen, durch die ein Großteil des saudischen Öls exportiert wird, haben die USA dauerhaft eine gewaltige Marinestreitmacht am Persischen Golf stationiert, die 5. Flotte in Bahrain, der auch ein Flugzeugträger-Verband angehört.

Die US-Einmischung im Nahen Osten hat Tausende US-Soldaten und zahllose Araber das Leben gekostet und die US-Steuerzahler zig Milliarden Dollar. Nach Schätzungen kostet die US-Militärpräsenz am Golf das Land jährlich zwischen 20 und 70 Milliarden Dollar. Forscher beziffern die Summe, die die Vereinigten Staaten von 1976 bis 2007 für die Sicherung der Ölförderung und den Öltransport ausgegeben haben, auf 7.300 Milliarden Dollar.

Durch ihre Rolle als Ordnungsmacht im Nahen Osten waren die USA dort stets sehr unbeliebt. Daraus resultierte der Terrorismus. Osama Bin Laden begann seinen Feldzug gegen die Vereinigten Staaten, weil im Zuge des Golfkriegs 1990 US-Truppen auf dem „heiligen Boden“ seines Heimatlands Saudi-Arabien stationiert wurden. Nun wurde der „amerikanische Satan“, der seit 1979 schon vom iranischen Repressionssystem ausgerufen worden war, auch von Arabern erkannt.

Es ist nicht zu erwarten, dass die USA sich sofort vom Nahen Osten abwenden. Was dort passiert, kann nämlich immer noch den Ölpreis empfindlich beeinflussen. Doch die USA sind nicht mehr auf Gedeih oder Verderb gezwungen, sich im Nahen Osten einzumischen. Kurzfristig werden die Vereinigten Staaten weiter die Förderung von Öl und dessen Transport im Nahen Osten absichern. Der „Bundesnachrichtendienst“ (BND) sagt voraus, dass die außen- und sicherheitspolitische Handlungsfreiheit der USA im Nahen Osten erheblich steigt.

Gleichzeit steigt die Abhängigkeit Chinas, des Hauptrivalen der USA, vom Öl an. Nach Angaben der IEA importiert China gegenwärtig 55 Prozent seines Öls. Im Jahr 2035 werden es mehr als 80 Prozent sein. Fast das gesamt Öl aus dem Nahen Osten wird dann nach Asien fließen. Der chinesische Anteil an diesen Exporten wird von heute drei auf fast sieben Millionen Barrel pro Tag steigen. Der Anteil der US-Verbündeten Japan und Südkorea dürfte hingegen sinken. Peking stellt sich darauf ein, selbst mehr für die Sicherheit der Energieversorgung aus dem Nahen Osten tun zu müssen. Schon seit einigen Jahren ist die chinesische Marine am Horn von Afrika im Einsatz gegen Piraten. Ein erster Schritt, um sich in der Region Geltung zu verschaffen.

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