345: Henning Mankell: Wir brauchen keine EU.

Henning Mankell hat etwa 40 Millionen Bücher verkauft und ist in 30 Sprachen übersetzt worden. Der Krimiautor (geboren 1948) ist heute ein Weltschriftsteller, der sich für Afrika engagiert. Er lebt einen Teil des Jahres in Mocambique. Mit 15 Jahren hatte er die Schule verlassen und war nach Paris gegangen. Bettina Weiguny hat ihn für die FAS (3.2.13) interviewt.

FAS: Warum Paris?

Mankell: Alle wollten in den sechziger Jahren nach Paris. Das musste man machen, wenn man jung und wild war und schreiben wollte. Die Stadt war für uns, was Berlin für die Kreativen aus aller Welt heute ist. Paris hat sein Flair längst verloren.

FAS: Was haben Sie in Paris gelernt?

Mankell: Wissen Sie, ich kam dort Ende Januar an mit 200 Franc in der Tasche, das war lächerlich wenig. Trotzdem habe ich es geschafft, mich dort ein ganzes Jahr lang über Wasser zu halten, ohne finanzielle Unterstützung. Ich habe jede Art von Aushilfsjob angenommen, an erbärmlichen Orten geschlafen. Ich weiß seither, wie wichtig Geld ist. Man braucht nicht viel davon, aber wer gar nichts hat, verzweifelt und wird leicht kriminell.

FAS: Sind die vielen Milliarden, die weltweit in Hilfsprojekte gegen die Armut gesteckt werden, zu wenig – oder ineffizient eingesetzt?

Mankell: Das ganze System ist krank. Wir pulvern mehr Geld in die Erforschung von Diät-Mitteln als in die Entwicklung von HIV-Impfstoffen. Wir geben für Hundefutter mehr Geld aus, als wir brauchten, damit alle Kinder zur Schule gehen könnten. Und wir lassen zu, dass ein Mensch wie Bill Gates so reich wird, dass er einflussreicher ist als ganze Volkswirtschaften. Ich glaube, dass Bill und Melinda die finanziellen Mittel ihrer Stiftung gut einsetzen. Trotzdem ist es lächerlich, dass sie so viel verdient haben. Das darf nicht sein.

FAS: Sie sagen, Afrika hat Sie zu einem besseren Europäer gemacht. Was meinen Sie damit?

Mankell: Ich blicke anders auf meine Heimat. Afrika schärft meine Sinne für das Gute und das Schlechte in Europa. Ich habe in den neunziger Jahren in Schweden gegen die Einführung des Euro gestimmt – und bin heute froh darüber, dass Schweden kein Euroland ist. Mir hat auch die Idee des von Politikern gemachten Europa nie gefallen – es würde mich nicht wundern, wenn es kollabiert.

FAS: Die Vorstellung weckt in Ihnen keine Angst?

Mankell: Nein, ich glaube nicht, dass Deutschland und Frankreich noch mal Krieg führen werden. Wir leben längst in einer anderen Welt, wir brauchen keine EU. Die Union bringt mehr Probleme als Nutzen.

FAS: Sie würden ein stärkeres wirtschaftliches Engagement des Westens (in Afrika, W.S.) begrüßen?

Mankell: Die Frage, die auch meinem Buch „Der Chinese“ zugrunde liegt, ist doch: Legt China einen neuen Kolonialismus in Afrika an den Tag? Da muss man genau aufpassen, was sie tun, denn sie führen sich zum Teil wie Kolonialherren auf. Andererseits fordern sie den Westen heraus, Afrika endlich wahrzunehmen. Das finde ich gut. Also, wenn ich ein Geschäftsmann wäre, was ich nicht bin, hätte ich längst in Afrika investiert.

FAS: Sie schreiben auch „Tatort“-Storys. Mögen Sie die deutschen Sonntag-Abend-Krimis?

Mankell: Ich schreibe gelegentlich für den Kieler „Tatort“, das stimmt. Das mache ich aber vor allem meinem Freund Axel Milberg zuliebe, der den Kommissar Borowski spielt.

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