Arturo Toscanini soll gesagt haben: „Wären Tristan und Isolde italienischer Herkunft, hätten sie am Ende des zweiten Aktes sieben Kinder. Aber sie sind Deutsche, also diskutieren sie noch.“
Diese Einsicht verdanke ich im Wagner- und Verdijahr Elke Heidenreich, die sich in einer Rezension mehrere Neuerscheinungen über die beiden großen Komponisten vornimmt („Literarische Welt“ 2.2.13). Sie lobt, und das hat mich ein wenig gewundert, Christian Thielemann („Mein Leben mit Wagner“. C. H. Beck, 319 S., 19,95 ). Er hat geschrieben: „Je älter ich werde, desto weniger interessieren mich die Biografien von Komponisten. Ich habe ja die Partituren, und da steht alles drin. Auch das Ambivalente, das Zwiespältige, gerade das.“ Heidenreich verteidigt Thielemann damit, dass sie sagt, es sei bösartig, ihm zu unterstellen, er blende das Politische aus. „Er blendet nichts aus, er beschreibt sehr deutlich sein Unbehagen, und er ist einer der großen Betreiber hinter den Kulissen, dass die Schwestern in Bayreuth endlich die Giftschränke für die Aufarbeitung der Verstrickungen öffnen mögen.“
Für Elke Heidenreich ist unter allen neuen Wagner-Büchern das von Martin Geck („Wagner“. Siedler. München. 413 S., 24,99 ) das wichtigste. Geck frage sich, was uns bis heute an der Wagnerschen Musik so fasziniert. „Und er schreibt im Walter Benjaminschen Sinne von Faszination und Grauen, von dem, was Joachim Kaiser ‚die Amfortas-Wunde‘ unserer Wagnerliebe nennt. Er ist kein enttäuschter Liebhaber, wie es Thomas Mann und Adorno waren. Er bekennt: ‚Ich kann nur über die Kunst schreiben, die mich bei all ihrer Widersprüchlichkeit letztendlich fasziniert.'“