Die Slawistin Juliana Roth ist Professorin für Interkulturelle Kommunikation an der LMU München. Sie gilt als Osteuropa-Expertin. Im ehemaligen Kommunismus gibt es die meisten Verstöße gegen den europäischen Geist. Margarete Moulin hat Frau Roth für die „taz“ (8.2.16) interviewt. Ich fasse die Aussagen Roths in kurzen Thesen zusammen:
1. Es herrscht Klientelismus. Wer die richtigen Leute kennt, kann einen Mercedes fahren.
2. Der EU-Beitritt hat der alten Nomenklatura (KP-Mitglieder und ihre Trabanten) genutzt.
3. Eine handlungsfähige Zivilgesellschaft (NGOs, Bürgerinitiativen) fehlt noch.
4. Betrügereien gehören zum Alltag. Wer Benzin getankt hat, weiß nicht, ob es gestreckt ist.
5. „Abziehen“ ist unter Kindern und Jugendlichen an der Tagesordnung. Wer mit neuen Schuhen in die Schule geht, kommt manchmal ohne zurück.
6. Privatschulen, auf denen eine moderne Didaktik erprobt werden kann, sind sehr, sehr teuer.
7. Die Korruption führt u.a. dazu, dass bei vielen Blitzern bestimmte Autonummern nicht festgestellt werden, auch wenn die Autos zu schnell fahren.
8. Getan wird überall etwas für die „Unsrigen“.
9. Sorgen sind verbreitet, was interessieren da irgendwelche Araber.
10. Die Enttäuschung über die EU ist grenzenlos, die Osteuropäer fühlen sich als Verlierer der Modernisierung.
11. Manche sehen sich immer noch als „Bollwerk“ gegen Barbaren aus dem Osten (wie einst Hunnen, Mongolen, Osmanen).
12. 1683 vor Wien haben polnische Truppen das Habsburger Reich vor den Türken gerettet. Viele Osteuropäer empfinden, dass dieses Opfer nicht genug gewürdigt wird.
13. In Ungarn verkaufen sich sehr gut Autoaufkleber mit dem Umriss des alten Ungarn, das 1920 im Vertrag von Trianon Territorien abgab an Rumänien, Serbien, Tschechien und die Slowakei.
14. Mazedonien bezieht sich auf die Antike, hauptsächlich Alexander den Großen, Albaner werden negiert.
15. In der DDR wurden Vertragsarbeiter aus Vietnam, Angola und Kuba ghettoisiert.
16. Lernprogramme für Interkulturelle Kompetenz (IKK) werden in Ostdeutschland nicht angenommen.
17. Osteuropa muss üben, mit Fremden zurechtzukommen.