1150: Jacques Rivette gestorben

Der 1928 in Rouen geborene Jacques Rivette kam 1949 nach Paris und war von 1963 bis 1965 Chefredakteur der „Cahiers du Cinéma“. Mit den anderen Mitgliedern der

„Viererbande“ Francois Truffaut, Jean-Luc Godard und Eric Rohmer

hat er dem Publikum beigebracht, dass man sehr kundig über Filme schreiben kann und dass ein Gespräch über Kino lohnt. Das war für uns in Zeiten des deutschen Heimatfilms und des Landserfilms nicht ganz selbstverständlich. Es hat uns geholfen. Fritz Göttler (SZ 30./31.1.16) spricht unter Einbeziehung von Claude Chabrol sogar von einer Fünferbande. Aber das stimmt wohl nicht.

Aus den „Cahiers du Cinéma“ heraus jedenfalls wurde Ende der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die „Nouvelle Vague“ kreiert. Am Vorbild des US-Kinos, nota bene. Nicht nur Alfred Hitchcock wurde gefragt, wie er es gemacht habe. Und die Redakteure machten schließlich selbst Filme. Auch Jacques Rivette.

1958 kam „Paris gehört uns.“.

Rivette verstand sehr viel vom Theater (wie sein Kollege Alain Resnais), von der Literatur und von Paris. In den „Cahiers“ erschienen inhaltsreiche Interviews mit Roland Barthes, Pierre Boulez und Claude Lévi-Strauss.

Rivette sagte: „Ich strebe an, dass den Zuschauer der Eindruck eines permanent gestörten Gleichgewichts beschleicht, so, als wenn er auf einer Pyramide aus Stühlen sitzt, die jeden Augenblick einstürzen könnte.“ Kaum ein anderer Filmemacher hat sich so wenig wie er darum gekümmert, ob seine Filme ein Geschäft werden konnten. Das erschien uns seinerzeit vorbildlich. Rivettes Filme schienen dokumentarischen Charakter zu haben und entfalteten hier und da doch magische Kraft. Er selbst wirkte auf viele meistens asketisch. In seinen Filmen mischten sich manchmal die Götter wie selbstverständlich unter die Menschen.

„Die Nonne“ war ein Skandal. In „Die schöne Querulantin“ (nach Balzacs „Das unbekannte Meisterwerk“) brillierten Emmanuelle Béart und Michel Piccoli. Einige Filme Rivettes hatten Überlänge und sind heute nicht mehr so wichtig. In seinen besten Filmen ging er von Schauspielerinnen aus. Körperliche Präsenz, physisches Spiel, Stimme und Körper waren ihm das Wichtigste. Man kann sich manchmal in seinen Filmen den Bewegungen nicht entziehen, wenn die Kamera lange dranbleibt an den Menschen und dabei immer neu den Raum definiert.

Jacques Rivette ist in Paris gestorben (Verena Lueken, FAZ 30.1.16; Ralph Eue, Die Welt 30.1.16).

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