1146: Das Elend der PC und seine politischen Folgen

In der Präsidentschaft von John F. Kennedy (1961-63) wurde als erste Maßnahme zur Erreichung von „Political Correctness“ (PC) an US-Universitäten „Affirmative Action“ eingeführt, ein Programm zur Förderung Afro-Amerikanern und Latinos und anderen Minderheiten. Das war ein Emanzipationsprogramm zur Erweiterung der Bildungsmöglichkeiten und Lebenschancen. Es fand zunächst überwiegend Anklang. Heute ist es fast zum Gegenteil davon geworden, was es einmal erreichen sollte. Denn man kann den Eindruck gewinnen, dass das Vorhaben heute

Gesinnungschnüffelei und Gedankenkontrolle

bedeutet. Wir kennen inzwischen

1. Safe Spaces, in denen der Benutzer davor geschützt werden soll, herausfordernde Inhalte kennenzulernen,

2. Trigger Warnings, durch die Studierende vor extremen Schilderungen bewahrt werden, wie etwa den Vergewaltigungen in Ovids „Metamorphosen“,

3. Achtsamkeit bei Microaggressions, also unbeabsichtigt aggressiven Äußerungen, die einzelne Hörer trotzdem „verletzen“ können. Da ist im Netz manchmal der Teufel los.

Die Protestführer in den den USA (aber auch in Großbritannien) sind überwiegend weiße Studierende oder Schwarze und Latinos aus Mittelklassefamilien. Dass deren Chancen sich dadurch verbessern sollen, dürfen wir vermuten. Denn Hauptgegner der PC-Fans sind

weiße, männliche, heterosexuelle Professoren.

Insofern lastet insbesondere auf denjenigen Menschen ein großer Druck, die eine Festanstellung im Hochschulsystem anstreben. Betroffen sind aber auch weibliche Professoren, die eine eigene Meinung kundtun. So eine Kollegin an der Northwestern University, welche die Meinung geäußert hatte, dass die Missbrauchsangst bei Liebeleien auf dem Campus übertrieben werde. Gegen sie wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet.

Angeklagt wurde auch die bekannte Feministin

Germaine Greer,

die es wohl an der für richtig gehaltenen Sensibilität für Transsexuelle hatte fehlen lassen. Greer hatte die Auffassung vertreten, dass man durch eine Operation nicht zur Frau werde. Die Studentenvertretung verlangte ein Redeverbot.

Die iranische Menschenrechtsaktivistin Maryam Namazie musste kürzlich am Goldsmith Institute in London ihren Vortrag über „Apostasie, Blasphemie und freie Meinungsäußerung im Zeitalter des IS“ unterbrechen, weil ihr Projektor von islamischen Studenten abgestellt worden war. Namazie hatte sich gegen die Verfolgung von Bloggern und inhumande Strafen im arabischen Raum gewandt. Den Protest der Muslime unterstützten Schwulen- und Lesben-Verbände. So kommt es zu

erstaunlichen Koalitionen

gegen den „gemeinsamen Feind“.

Nicht mehr PC ist es auch zu verlangen, dass die am besten qualifizierte Person eine Stelle bekommen soll. Das ist für PC-Fans Diskriminierung. Ein Schulbuchverlag, der

Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“

herausgeben wollte, konnte das nur, wenn er auf der Titelseite vor dem Buch warnte. Das können wir uns beinahe nicht vorstellen.

Eine Kindersychologin in Yale musste sich weigern, für Halloween Vorschläge für politisch korrekte Kostüme zu machen, nachdem ein Yale-Gremium davor gewarnt hatte, „kulturell aneignende Kostüme“ – wie Indianerschmuck oder Sombreros – zu tragen.

Falls die PC-Fans es schaffen, ihre Weltsicht durchzusetzen, werden sie die Grundregeln des Zusammenlebens in einer liberalen Gesellschaft untergraben. Dann dürfen Dumme nicht mehr so genannt werden, sie sind „die anders Begabten“, und Marokkaner nicht mehr „Marokkaner“. Die Univerwaltung bekommt durch PC einen ungeheure Macht, denn sie wird geradezu dazu aufgerufen, anstößige Äußerungen zu bestrafen. „Dreht sich der politische Wind, kann die Verwaltung ihre neue Macht genauso dazu nutzen, Studenten zu zensieren oder Kritiker des Uni-Präsidenten zum Schweigen zu bringen.“

An der Humboldt-Universität Berlin wurde der bekannte und angesehene Historiker und Politologe Herfried Münkler von anonymen Netzaktivisten als „Aktivist der Mitte“ denunziert.

Wehren wir den Anfängen.

Denn sonst würden Individuen nicht mehr als solche wahrgenommen, sondern als Angehörige von angeblich unterdrückten Minderheiten. Und wir dürften nicht mehr „Fröhliche Weihnachten“ wünschen.

Besonders wichtig ist die Meinungsäußerungsfreiheit natürlich bei den Massenmedien (in Form der Presse-, der Rundfunk- und der Film-Freiheit). Denn wenn hier in falsch verstandener Einhaltung des

Pressecodex

unangenehme Meldungen vermieden werden, kommt leicht der Vorwurf der

„Lügenpresse“

dabei heraus. Propagandaslogan unserer „Deutsch-Nationalen“, die Ressentiments hegen gegen

die USA,

die Wallstreet,

die Juden und

Israel

(Peter Richter, SZ 17.12.15; Jochen Buchsteiner, FAS 3.1.16; Anonymus, Die Zeit 14.1.16).

 

 

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