Manfred Lütz ist katholischer Theologe (und Psychiater und Psychotherapeut). Deswegen werden manche ihm misstrauen. Dazu besteht m.E. aber kein Grund, solange er argumentiert. Und das tut Lütz (FAS 20.1.13), wenn er sich (hauptsächlich) die „neuen Atheisten“ und die „Hirnforschung“ vornimmt.
Lütz behauptet, für die
– Wissenschaft
sei die Welt das, was sich wissenschaftlich beschreiben lasse. Für die
– Ratgeber
sei ein gelungenes Leben das, was sie als Ratgeber (häufig aus der Psychologie) empfehlen. Für die
– Medien
sei das, was sie berichten, das eigentlich Wichtige. Und für die
– Finanzwelt
sei das Geld, das man anhäufe, der wahre Wert.
Lütz sieht darin Suggestionen. „Psychologisch erscheinen diese Welten wichtiger, wahrer und realer als unser zufälliges, persönliches, kurzes Leben von unserer Geburt bis zu unserem Tod.“ Ob aber das Leben einen Sinn habe, so Lütz, ob es Gott gäbe oder nicht, ob es Wahrheit gäbe oder nicht, über all das wisse die Wissenschaft nichts. Da hat er Recht. Dann nimmt er sich die „wissenschaftsgläubigen“ „neuen Atheisten“ mit ihrem Leit-Wissenschaftler Richard Dawkins vor und behauptet, dass deren „Glaube“ mit Wissenschaft nichts zu tun habe. Vielmehr erinnere Dawkins Diskussionsstil an religionsförmige fundamentalistische Gruppen. Auch hier stimme ich Lütz zu. Die Glaubensüberzeugung von Dawkins und Co erinnert mich stark ans 19. Jahrhundert. „Bedeutende Wissenschaftler dagegen kennen die wissenschaftstheoretischen Grenzen seriöser Wissenschaft sehr gut, die eben keine unfehlbaren Wahrheiten, sondern bloß falsifizierbare Ergebnisse produziert, über die man mit Argumenten streiten kann.“
Die Hirnforschung nehme bei all ihren interessanten und nützlichen Ergebnissen nur eine bestimmte Perspektive auf die menschliche Psyche ein, nämlich die biologische. „Wer diese Perspektive absolut setzt, betreibt keine Wissenschaft, sondern begründet einen quasireligiösen Glauben.“ Lütz meint, dass es inzwischen Ratgeber für alles und jedes gäbe. Sie nährten das verbreitete Gefühl, für das eigene Leben nicht mehr kompetent zu sein. Für ultimative Lösungen seien Psycho-Experten aber nicht wirklich kompetent. „Sie können mit kunstvollen therapeutischen Methoden Waschzwang, Depressionen und Schizophrenie behandeln, aber vom normalen Leben und von den existenziellen Erfahrungen von Liebe, Gut und Böse und dem Sinn des Lebens haben sie grundsätzlich nicht mehr Ahnung als ein altes Mütterchen aus der Eifel, eher sogar weniger.“
Lütz ist sich der Konstruktionen der Medien bewusst, betreibt erfreulicherweise aber keine billige Medienschelte. Die Medien seien „eine gute Sache. Spätestens seit den Keilschrifttafeln sind wir unter dem Einfluss von Medien, und sie ermöglichen uns den Kontakt mit Menschen, die weit entfernt leben. Doch wer nur noch in diesen Medien lebt und Freunde bei Facebook mit echten Freunden verwechselt, der lebt in einer falschen Welt.“ Lütz möchte, dass Wissenschaft, Psychowelt, Medien und Finanzwelt nicht zu viel Macht über uns gewinnen. „Es liegt an uns selbst, ob wir uns von der süßen Unsterblichkeitsillusion necken lassen, die all diese Welten mit diabolischer List erzeugen …“ Wir können moralisch handeln und selbst dem Sinn unseres Lebens nachspüren.