1. Hannah Arendt (1906-1975) war die Theoretikerin der Freiheit. Sie wollte uns das Denken „ohne Geländer“ beibringen. Frei von Ideologien und Vorurteilen. Das war natürlich nur bei denen möglich, die sich hier etwas beibringen lassen wollten. Und so war Arendt in ihrer Karriere höchst umstritten. Viele haben sie nicht gekannt. Das ist bis auf den heutigen Tag so. Und so könnte Margarete von Trottas Film über Arendt (mit Barbara Sukowa und Axel Milberg), der gerade in Deutschland erscheint, dazu beitragen, uns mehr über die in Hannover geborene Theoretikerin zu sagen, als bisher allgemein bekannt ist. Selbstverständlich kann das nicht alles Wissenswerte sein. Es besteht die Gefahr, dass Arendt auf die Autorin von „Eichmann in Jerusalem“ reduziert wird, wo sie auf die These von der „Banalität des Bösen“ zu sprechen kam. Ich habe den Film noch nicht gesehen. Danach schreibe ich vielleicht nochmals über die deutsch-amerikanische Philosophin. Margarete von Trotta hat schon mehrere Filme über starke Frauen gedreht. U.a. über Rosa Luxemburg, die von Hannah Arendt verehrt wurde, was ihr die orthodoxe Linke verübelt. Überhaupt sind die Gegner Arendts auf der politischen Linken zahlreich. Ich will versuchen zu zeigen, warum das so ist.
2. Die bewusst als Jüdin in Königsberg aufgewachsene Frau können wir anhand ihrer Schriften kennen lernen. Aber sie war auch persönlich ausgesprochen eigenwillig. Ich will versuchen, das zu berücksichtigen. Arendt studierte von 1924 bis 1928 in Marburg, Freiburg i. B. und Heidelberg Philosophie, Theologie und Griechisch bei Martin Heidegger („Sein und Zeit“ 1926), Rudolf Bultmann und Karl Jaspers. Das ist die Crème der deutschen Existenzphilosophie. Martin Heidegger, ein verheirateter Familienvater, war ihr Geliebter. Er hat das Denken von Arendt de facto bis zum Ende stark bestimmt, was Arendts Theorien in fortschrittlichen Kreisen (verständlicherweise) weithin suspekt macht. Gerade in ihren letzten Jahren hat Arendt Heidegger häufig in Freiburg besucht und sich mit ihm nach einer langen Trennung durch Emigration und Leben in den USA wieder teilweise verständigt. 1929 promovierte Arendt bei Karl Jaspers in Heidelberg mit „Der Liebesbegriff bei Augustin“. Damit sind wichtige Gegenstände ihres Denkens schon angesprochen. 1926 hatte Arendt Günther Stern geheiratet, der nach 1945 (als Günther Anders) die Ökologie- und Anti-Atom-Bewegung mit in Gang gesetzt hat („Die Antiquiertheit des Menschen“ 1955).
1933 musste Hannah Arendt als Jüdin Deutschland verlassen. Trotz großer Vorbehalte ihrerseits schloss sie sich der zionistischen Bewegung an und arbeitete in Paris für sie. 1935 fuhr sie zum ersten Mal nach Palästina. In Paris traf sie sich häufig mit Walter Benjamin („Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ 1936). 1940 heiratete sie Heinrich Blücher, einen Nicht-Akademiker, der in der KPD zur Brandler-Thalheimer-Gruppe gehört hatte und zeitweilig dem Anarchismus nahestand. Blücher lehrte nach 1945 in den USA Politik. Arendt und er lebten zusammen bis zu seinem Tod 1970. 1940 nahm sich Arendts Freund Walter Benjamin auf der Flucht in den Pyrenäen das Leben. 1941 emigrierte Arendt mit ihrer Mutter und Heinrich Blücher in die USA. Dort arbeitete sie u.a. als Forschungsleiterin, Lektorin und Journalistin. Hier begann sie ihre atemberaubende akademische Karriere, die sie an mehrere Universitäten führte, u.a. nach Berkeley. Ihre Schriften führe ich unten auf. 1949 war Arendt zum ersten Mal wieder in Deutschland. 1961 reiste sie als Korrespondentin des „New Yorker“ zum Eichmann-Prozess in Jerusalem. 1959 erhielt sie den Lessing-Preis der Stadt Hamburg. 1963 wurde das hochberühmte Interview Arendts mit Günter Gaus im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. 1975 starb die Kettenraucherin Hannah Arendt in New York an ihrem zweiten Herzinfarkt.
3. In ihrer Dissertation „Der Liebesbegriff bei Augustinus“ (1929) arbeitet Arendt die drei Arten von Liebe aus: die Liebe zu Gott, die Begierde und die Nächstenliebe. Sie reflektiert das „Summum bonum“. Und sie expliziert ihren Begriff von „Natalität“ („Uns ist ein Kind geboren.“), der es kennzeichnet, dass wir stets neu beginnen können. Politisch im Lichte der Öffentlichkeit. Das verweist bereits auf ihren später formulierten Begriff des „Handelns“.
„Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“ (1938/1958) trägt autobiografische Züge. Er analysiert das Leben der Rahel Levin und führt uns in die frühbürgerliche Welt der Salons, in denen nicht der Stand, sondern das Argument zählte. Arendt reflektiert die deutsche Romantik und diskutiert deren Drang zur Selbstoffenbarung, zu Indiskretion und Schamlosigkeit (etwa in Friedrich Schlegels „Lucinde“). Unterschieden wird zwischen Paria (Ausgestoßener, Entrechteter) und Parvenu (Emporkömmling). Am Beispiel Heines erläutert Arendt, dass man aus dem Judentum nicht herauskommt. Die Aufklärung wird hier bereits in ihrer Zwieschlächtigkeit gesehen.
In ihrem ersten Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951/1955) lehnt Arendt jeglichen Geschichtsdeterminismus ab. In existenzialphilosophischer Manier spricht sie dem in die Welt geworfenen Menschen Selbstverantwortung zu. Er ist frei zu handeln. Arendt bestimmt Begriffe wie Imperialismus und Antisemitismus neu und geht auf die Rolle der Juden als „Sündenböcke“ ein. Sie untersucht die Rolle des Mobs im Rassismus. Dabei analysiert sie mannigfache Phänomene der Massengesellschaft und erklärt den Missbrauch des Begriffs der Gleichheit. In der Massengesellschaft wird der Einzelne wertlos und überflüssig. Er kann ausgerottet werden. Das geschieht bisweilen durch das Zusammenspiel von Mob und Elite. Im Totalitarismus hat die Gesellschaft eine Zwiebelstruktur mit dem „Führer“ in der an sich leeren Mitte. Erfasst werden alle gesellschaftlichen Sektoren. Sie sind auf das Konzentrationslager (Vernichtungslager) hin ausgerichtet. Durch den Krieg wird die gesellschaftliche Entwicklung beschleunigt. Arendt vergleicht Bolschewismus und Faschismus. Sie findet zwar viele Ähnlichkeiten, aber sie setzt beide nicht gleich. Das wird ihr fälschlicherweise immer vorgehalten. Andere haben das tatsächlich getan. Das war ein Missbrauch von Arendts Denken.
In „Vita activa oder vom tätigen Leben“ (1958) untersucht Arendt den Menschen als geselliges Wesen. Gegründet auf die klassische griechische Philosophie unterscheidet sie scharf zwischen privat und öffentlich. Arendt fragt: „Was tun wir, wenn wir tätig sind?“ Sie expliziert die Begriffe Arbeit, Herstellen und Handeln. In der Arbeit bemächtigt sich der Mensch der Natur, um zu leben (animal laborans). Beim Herstellen produziert der Mensch eine künstliche Dingwelt (homo faber). Nur das Handeln spielt sich direkt zwischen den Menschen ab (vita activa). Hier waltet Pluralität. Der Mensch ist ein politisches Wesen (zoon politicon).
In „Über die Revolution“ (1963) zeigt Arendt ihre Sympathie für die amerikanische (1776) und französische Revolution (1789), aber auch für den ungarischen Aufstand 1956. Sie formuliert das Erfordernis der Tugend- und Machtbegrenzung durch Gewaltenteilung und eine pluralistische öffentliche Meinung. Arendt begründet den Vorrang der amerikanischen vor der französischen Revolution mit der Konzentration auf die Freiheit (gegenüber der Gleichheit). Sie untersucht die Rolle Rosa Luxemburgs, die sich hauptsächlich auf das Volk gegen die Berufsrevolutionäre berufen habe.
Arendts bekanntestes Werk ist „Eichmann in Jerusalem“ (1964, ursprünglich im „New Yorker“ 1962). Nach diesem Buch wurde es einsam und eisig um Arendt. Sogar einige ihrer besten Freunde kündigten ihr die Freundschaft auf (z.B. Gershom Scholem, Walter Laqueur, Saul Bellow). Dafür wird sie heute noch bekämpft. Arendt hatte den Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem beobachtet. Sie analysierte die Organisation des Holocaust und erkannte in ihm hauptsächlich eine Leistung der Bürokratie. Sie beschäftigte sich aber auch mit der Rolle des deutschen Widerstands und mit der Rolle der Judenräte. An keiner Stelle machte Arendt Juden für den Holocaust mitverantwortlich, was ihr aber unterstellt wurde. Herausgearbeitet wurde die Funktion der Schreibtischtäter. Für Arendt stellte sich das Böse als etwas dar, was keine Tiefe hat wie das Gute, sondern nur extrem ist. Das Böse in Gestalt von Adolf Eichmann, der Inkarnation des funktionierenden Massenmörders, ist für Hannah Arendt banal. Keineswegs steckt nach Arendt in allen von uns ein Eichmann („Wo alle schuld sind, hat niemand schuld.“). Sie ermöglicht uns damit gerade genaue Differenzierungen. In ihrem Stil ist Hannah Arendt aber tatsächlich zuspitzend, sarkastisch, ironisch. Das verstehen viele nicht, und manche stößt es ab. Arendt wurde vor allem fehlendes Mitgefühl mit den Opfern vorgeworfen. Das geht m.E. an der Sache völlig vorbei, tritt aber häufig auf den Plan, wenn forciert argumentiert wird.
4.Hannah Arendt ist gut zu erkennen in ihren Briefwechseln. Für jüngere Leser müsste ich wahrscheinlich erläutern, welche Rolle solche Briefwechsel seinerzeit spielten neben dem Wichtigsten, dem Privaten, als Standortbestimmung, Kräftemessen, philosophischer Diskurs. Die Briefwechsel erschienen, wie nicht anders zu erwarten, lange nach Arendts Tod: mit Karl Jaspers 1985, mit Mary Mc Carthy 1995, mit Heinrich Blücher 1996 und, der heikelste, mit Martin Heidegger 1998. Sie umfassen viele Seiten, im Fall des Briefwechsels mit Karl Jaspers etwa 859. Aus ihnen erfahren wir hier und da mehr als aus ihren Büchern. Hier geht Arendt vielfach ganz aus sich heraus. Wo sie an Jaspers schreibt: „Je mehr ich Marx lese, desto mehr sehe ich, dass Sie Recht hatten: Er ist weder an Freiheit noch an Gerechtigkeit interessiert.“ An Heinrich Blücher: „Für Dich zu kochen scheint mir himmlisch.“ An Mary Mc Carthy: „Du weißt, dass ich der Meinung bin, man solle seinen Sinnen trauen.“ An Martin Heidegger: „Der Weg, den Du mir zeigtest, ist länger und schwerer, als ich dachte. Er verlangt ein ganzes langes Leben …“
5. M. E. gibt es fünf Hauptgründe, warum Arendt heute noch so umstritten ist.
Erstens: Sie war die Geliebte von Martin Heidegger, der immerhin 1933 „den Führer führen wollte“ und damit die ganze Existenzialphilosophie ein für alle mal endgültig desavouiert hatte. Die Liebesbeziehung war tief („Willst Du heute abend zum Walde kommen?“) und strahlte bis an Arendts Lebensende aus, bei dem Heidegger noch am Leben war.
Zweitens: Arendt war skeptisch gegenüber der Psychoanalyse und dem Teil der marxistischen Philosophie, der sie integrieren wollte, der „kritischen Theorie“ (Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. 1946). Vermutlich spielten hier wie anderswo auch persönliche Gründe eine größere Rolle, als es bei einer so großen Theoretikerin zu erwarten wäre. Denn Arendt nahm vor allem Adorno übel, dass er, wie sie annahm, ihren Freund Walter Benjamin und dessen Artikel im „Institut für Sozialforschung“ schlecht behandelte. Adorno verargte sie es, dass er am Anfang des Nationalsozialismus wenige Annäherungsversuche an diesen unternommen hatte, was nach 1945 Studenten aufdeckten.
Drittens: Arendts Totalitarismus-Theorie setzte zwar Bolschewismus und Nationalsozialismus nicht gleich, arbeitete aber einige zentrale Ähnlichkeiten heraus (eine maßgebliche Ideologie, eine Einheitspartei, ein Machtmonopol, die Überwachung durch die Geheimpolizei, die Verfolgung politisch Andersdenkender mit Terror bis hin zu Konzentrationslagern, ein Propaganda- und Medienmonopol). Die politische Linke hört nicht gerne etwas vom Archipel Gulag.
Viertens: Arendts These von der „Banalität des Bösen“ wurde als Verunglimpfung der jüdischen Opfer angesehen, wo sie die Effizienz des Vernichtungssystems offenlegt. Dass Arendt den deutschen Widerstand auch kritisch sah, brachte Golo Mann zu dem Satz: „Ihre Charakteristik des deutschen Widerstands enthält die empörendsten Verleumdungen, die je über diese Bewegung verbreitet wurden.“ Karl R. Popper schrieb: „Mir scheint, dass Arendts höchst überschätzter Begriff der ‚Banalität des Bösen‘ in seinem unbewussten Ursprung eine Verteidigung Heideggers und des Romantizismus sein könnte.“
Fünftens: Arendt stand dem Feminismus ihrer Zeit skeptisch gegenüber („Der misslungene Versuch, eine Frauenpartei zu gründen, zeigt die Fragwürdigkeit der Bewegung: es ist dieselbe Fragwürdigkeit wie die der Jugendbewegung, einer Bewegung um der Jugend willen, so eine Bewegung nur um der Frau willen. Das eine ist so abstrakt wie das andere.“) Zudem hatte Hannah Arendt wohl Zeit ihres erwachsenen Lebens ein Faible für „männliche“ Männer. Ihr Mann Heinrich gehörte diesem Typus an. Aber Arendt hatte schon ihren ersten Lehrer in Sachen Zionismus, Kurt Blumenfeld, bewundert. Im Zusammenhang mit diesen Männern sprach sie von „masculini generis“. Das macht sie heute suspekt.
Meiner Meinung nach hat Arendts Theorie einen zentralen Fehler, wo sie in Übernahme aus der klassischen griechischen Philosophie eine falsche Trennung zwischen privat und öffentlich macht und sich damit außerstande setzt, den die ganze Gesellschaft durchdringenden Einfluss ökonomischer Interessen zu erkennen.
Menschlich war sie sehr eigenwillig und überzeugend. Sie ließ sich aber hier und da um der Originalität willen zu Formulierungen hinreißen, die nicht voll von dem gedeckt waren, was sie beschreiben wollte. Das hat uns Walter Laqueur gezeigt. Ich finde Hannah Arendt faszinierend.