Die „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer bevorzugt bei der Analyse des Islam Klartext. Ulf Poschardt hat sie für „Die Welt“ (16.1.16) interviewt.
Welt: Was ist ihr intellektueller Zugang zum Frauenbild im Islam?
Schwarzer: Ich habe seit 36 Jahren sehr konkrete und vielfältige Kontakte zu Frauen im islamischen Kulturkreis, sowohl in Nahost wie in Nordafrika. Schon 1979 war ich ein paar Wochen nach der Machtergreifung von Khomeini mit einer Gruppe französischer Intellektueller auf den Hilferuf von Iranerinnen hin in Teheran. Und da war mir schon klar, was sich da entwickelte.
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Man weiß inzwischen auch gar nicht mehr, was man überhaupt noch sagen darf. Es wechselt ja jeden Tag die politische Korrektheit. Das soll uns am freien Denken hindern. Form statt Inhalt. Da geht es nicht um die Menschen, sondern um Ideologie.
Welt: Wie sollte man Menschen behandeln?
Schwarzer: Nicht ideologisch, sondern menschlich. Man sollte ihnen sagen: Ihr habt die gleichen Rechte – aber auch die gleichen Pflichten! Nach den Ereignissen in Köln habe ich bei einer der sogenannten jungen Feministinnen gelesen, auch „weiße Bio-Deutsche vergewaltigen“. Da kann ich nur sagen: Richtig, das sagen wir feministischen Pionierinnen seit 40 Jahren! Doch jetzt müssen wir weiterdenken, denn die Ereignisse in Köln und an anderen Orten hatten über die uns bisher bekannte sexuelle Gewalt hinaus eine neue Qualität, eine ganz andere Dimension.
Welt: „Emma“ analysiert die sexuelle Gewalt gegen Frauen mit kulturellen Hintergründen schon länger.
Schwarzer: Bereits vor 20 Jahren hat ein Kölner Polizist zu mir gesagt: Frau Schwarzer, 70 bis 80 Prozent aller Vergewaltigungen in Köln gehen auf das Konto von Türken. Ich war entsetzt und habe geantwortet: Das müssen Sie unbedingt öffentlich machen! Denn auch ein Türke wird ja nicht als Vergewaltiger geboren. Das hat ja Gründe. Was ist los bei denen? Was können wir tun? Doch es kam die klare Ansage: „No way, das ist politisch nicht opportun.“ Und genau diese Art von politischer Correctness verschleiert die Verhältnisse. Reaktionärer geht es nicht.
Welt: Spielt diese Einstellung nicht jenen in die Hände, die den Medien nicht mehr glauben?
Schwarzer: Ja, leider. Ich persönlich bin seit Langem davon überzeugt, dass die Erstarkung der Rechtspopulisten in Westeuropa nicht möglich gewesen wäre, wenn die Parteien nicht durch die Bank seit Jahren und Jahrzehnten die Politisierung des Islams völlig ignoriert oder verharmlost hätten. Und die Medien haben mitgespielt. … Ab und zu sah man früher auch mal eine ältere oder junge Frau vom Land mit Kopftuch. Aber nicht mit dem islamistischen Kopftuch. Das gibt es bei uns erst seit Mitte der 80er Jahre. Dieses Kopftuch, das jedes Haar abdeckt und auch den Körper verhüllt, weil eben die Frau an sich Sünde ist. … Übrigens: Aus einer großen Studie des Innenministeriums wissen wir: 70 Prozent der Musliminnen in Deutschland haben noch nie ein Kopftuch getragen. Selbst von denen, die sich selber als streng religiös definieren, hat jede zweite noch nie ein Kopftuch getragen. Das Kopftuch hat also nichts mit Glauben zu tun. Es ist ein politisches Signal. … Ich bin viel dafür angegriffen worden, dass ich für ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst und in der Schule bin. Das scheint mir aber eine Selbstverständlichkeit. So wie in Frankreich. Und in einer weltlichen Schule hat das Kopftuch schon gar nichts zu suchen. Aber darüber hinaus bin ich natürlich nicht für ein Verbot, sondern für das Gespräch mit den Kopftuchträgerinnen. … Seite an Seite mit der grünen Multikulti-Szene sind ja vor allem die linksliberalen Medien pro Kopftuch. Sie halten das für eine individuelle oder gar religiöse Neigung – und durchschauen nicht die politische Struktur dahinter. …
Welt: Kommen wir zu einem anderen Punkt, der Flüchtlingskrise. Wie nehmen Sie die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin wahr?
Schwarzer: Angela Merkel hat grundsätzlich menschlich recht. Sie kann auch keine Obergrenze nennen. Aber konkret müssen wir schon sehr genau hinschauen. Wir können und dürfen nicht alle nehmen. …
Welt: Ist das Kind nicht schon zu tief in den Brunnen gefallen?
Schwarzer: Irgendwann muss man ja anfangen, es richtig zu machen. Wir müssen reingehen in die Communitys, in diese Milieus, wir müssen den Müttern sagen: „Kommt heraus aus dem Haus und lernt Deutsch!“ …
Welt: Auch bei der Toleranz gegenüber anderen Religionen gibt es Probleme.
Schwarzer: Ja, der flagrante Antisemitismus der arabischen Welt wird ausgerechnet in Deutschland nicht benannt. Das hat Tradition. Gerade die Linke pflegt unter dem Vorwand der – ja durchaus berechtigten – Kritik an Israel schon lange einen schamlosen Antisemitismus.
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Welt: Kommen wir noch mal zurück auf die Silvesternacht in Köln …
Schwarzer: Gerne. Denn da stelle ich mir eine Menge Fragen. Zum Beispiel die: Könnte es sein, dass im Kern dieser sexuellen Gewalt eine kleine Gruppe von Provokateuren agiert hat, die gezielt zur Destabilisierung der Willkommenskultur in Deutschland gehandelt hat?
Welt: Meinen Sie wirklich?
Schwarzer: Es liegt nahe. Wenn Sie die Schriften der Islamisten und des IS lesen, ist deren Besessenheit Nummer eins die Emanzipation der Frau. Das ist die große Obsession.
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Welt: Also Teil einer Kriegsstrategie?
Schwarzer: Ja. Und nicht zufällig in den Ländern, die die offensten waren. In denen die Emanzipation der Frauen am weitesten fortgeschritten ist: Deutschland, Dänemark, Schweden. Und dann kommt da noch ein demografisches Problem auf uns zu: Wir wissen seit Langem, dass ein starker Überhang an jungen, noch nicht gebundenen Männern zwischen 18 und 30 sehr heikel werden kann. Das kann sogar kriegsauslösend sein. …