Die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) hat ihre Reporter Kristiana Ludwig und Max Hägler losgeschickt, damit sie feststellen, was die Opfer der Übergriffe in der Silvesternacht wirklich erlebt haben (15.1.16). Die Reporter waren unterwegs in Köln, Stuttgart, Remscheid, Gummersbach und anderswo. Die Betreffenden sind von der SZ vollständig anonymisiert worden. Drei Beispiele.
1. Dana wacht noch immer von den Bildern der Männer auf, die sie eingekesselt hatten. Sie haben schlechte Zähne. Sie schlagen ihr auf die Hüfte, reißen an ihren Armen, greifen an den Busen, zwischen ihre Beine. Dana kommt aus Remscheid, wollte sich High Heels in Köln kaufen. Fährt dort hin mit ihrer Freundin. Am Hauptbahnhof zischen Raketen. Auch in die Menge. Männer laufen den Mädchen nach, langen nach ihren Brüsten, wollen Küsse. Es sind sehr, sehr viele Männer. Sie umzingeln die Mädchen. Einer macht ihre Hose auf. So geht das zehn Minuten bis eine Viertelstunde etwa. Die Frauen wenden sich an einen Polizisten. Der fragt: „Kannst du die Täter identifizieren?“ Und unternimmt sonst nichts. Auch eine Polizistin, die gerade sonst nichts zu tun hat, hilft nicht. Dana und ihre Freundin sagen: „Die haben uns nicht geholfen.“ Und: „Die lügen rum.“
2. Jasmin, 17, in Gummersbach bemüht sich um Coolness. Sie will in ihrer Klasse nicht als Opfer dastehen. An ihrem Hals hat sich ein rosa Fleck gebildet. „Mir wurde nur mein Handy geklaut.“ Jasmin hat um ein Uhr nachts mit vier Freundinnen die Domplatte in Köln betreten. Sie werden wie auf Kommando von sehr vielen Männern umringt. Sie stecken mitten drin. Hände kommen von allen Seiten. Natürlich kann Jasmin hinterher keine Täter identifizieren. In den Augen mancher Freundin flackert Panik. Eine liegt am Boden. Einige weinen. Eine Freundin stützt die zweite, eine dritte läuft davon, pendelt dabei von links nach rechts. Männer äffen die weinenden Mädchen nach. Rufe sind zu hören „Schlampe!“, „Du blöde Fotze!“ Die Männer wechseln sich ab, tauschen ständig die Plätze. Betrunken sind sie nicht. „Die wussten, was sie taten.“
3. In Stuttgart war Deborah mit ihrer Freundin um Mitternacht auf dem Schlossplatz. Massen von mit dem Handy filmenden Männern. Die Mädchen werden verfolgt. Ein Mann hebt Deborah hoch. Sie sagt: „Es gilt ja Fight or Flight, aber Fliehen war da nicht.“ Die umstehenden Männer weiden sich an der Angst der Frauen. Keiner von ihnen spricht deutsch. Einer ruft „Jalla, jalla!“ (Schnell, schnell!). Deborah: „Es war so entwürdigend.“ Die Frauen versuchen, sich durch Schreien zu entlasten und zu befreien. Sie werden von vielen begrapscht.