324: Das eigentlich Schlimme ist die israelische Annektionspolitik.

Es ist ein bekanntes und beliebtes Spiel in der deutschen Publizistik: jemand als Antisemiten zu bezeichnen, um ihn damit unmöglich zu machen oder sich wenigstens selbst ins Spiel zu bringen. Und es treten häufiger die gleichen Spieler dabei auf. In erster Linie Henryk M. Broder. Er kapriziert sich einerseits darauf, die deutschen Bemühungen um eine glaubwürdige Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit zu verhöhnen, andererseits aber die Annahme am Laufen zu halten, es gäbe einen spezifisch deutschen und gefährlichen Antisemitismus. Das Schwierige ist, dass es diesen Antisemitismus wirklich gibt. Aber nicht nur bei Neo-Nazis, sondern in der ganzen Gesellschaft (FAS 6.1.13 und Timo Frasch in der FAS vom 6.1.13).

Bei Broder und anderen dient der Antisemitismus-Vorwurf häufig dazu, Sachkritik an Israel zu verhindern. Darum geht es auch in unserem neuesten Fall. Broder war der Gewährsmann des Simon Wiesenthal Centers (SWC) in Los Angeles (USA), das den bekannten deutschen Publizisten Jakob Augstein („Freitag“) wegen seiner „Spiegel“-online-Kolumnen auf die Top Ten-Liste für Antisemiten weltweit setzte. Das SWC hat Augstein aufgefordert, sich „bei den deutschen Lesern und dem jüdischen Volk“ für seine „antisemitischen Verleumdungen“ zu entschuldigen. Broder findet das richtig, weil Augstein alles, was früher über die Juden gesagt wurde, auf Israel übertrage. Das sieht Broder als „Krankheit“, erwartet aber „eine gewisse Form der Einsicht“ von Augstein.

Augstein hat klargemacht, dass Israel von seinen Nachbarn bedroht werde. Das habe er auch in seinen Kolumnen geschrieben. Aber Augstein hat die illegitime und illegale Annektionspolitik Israels im West-Jordanland angeprangert. Und damit hat er völlig Recht. Das ist kein Antisemitismus. Was Antisemitismus ist, weiß Augstein sehr genau, und auch hier ist ihm zuzustimmen: „Es gibt den klaren, sichtbaren Antisemitismus der Neonazis – aber der gefährlichere ist der verborgene, der nur manchmal durchbricht: Neulich ist in Berlin eine Frau ins Taxi gestiegen und wollte in die Synagoge, und der Fahrer hat gesagt, er könne den Weg nicht finden.“

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat erklärt, Augstein gehöre nicht auf die Top Ten-Liste des SWC. Und der „Spiegel“ hat durch den für seinen Online-Service zuständigen Mathias Müller von Blumencron erklärt: „Das Simon Wiesenthal Center ist eine hochangesehene Organisation im Kampf gegen den Antisemitismus. Um so mehr verwundert uns, dass unser Kolumnist Jakob Augstein auf einer Liste der führenden Antisemiten auftaucht.“ Also womöglich viel Lärm um nichts? Doch wohl nicht; denn Henryk M. Broder sagt: „Mich interessiert nicht der letzte Holocaust, sondern der mögliche nächste, dem mit Texten wie denen von Augstein der Weg geebnet wird.“ Das Gegenteil ist richtig. Mit der israelischen Sicherheits- und Siedlungspolitik wird die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung in Nahost heraufbeschworen, die für Israel lebensbedrohend werden kann. Wenn da nicht die USA wären.

So sind sie eben manchmal, unsere publizistischen Feingeister wie Henryk M. Broder und Maxim Biller, der kürzlich die Besatzungspolitik der Regierung Netanjahu zwar Annektionspolitik genannt, sie aber doch gerechtfertigt hat (vgl. hier unter Nummer 320 im Blog). Ich bin da völlig anderer Ansicht. Aber wir sollten uns von Claudius Seidl (FAS 6.1.13) daran erinnern lassen, dass es den Söhnen, Enkeln und Urenkeln der Nazi-Täter nicht gut zu Gesicht steht, „den Söhnen, Enkeln und Urenkeln der Opfer zu erzählen, was richtig und was falsch sei“. Wir sollten höflich sein. Aber die Kritik an Israel muss sein.

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