1120: Göttingen: „Provinzielle Arroganz und Hybris“ bis heute ?

Seine „Harzreise“ unternahm Heinrich Heine vom 14. bis 21. September 1824. Göttingen kam dabei nicht gut weg, aber auch Orte wie Northeim, Osterode und Clausthal-Zellerfeld nicht, soweit sie überhaupt vorkamen. Die Stadt Göttingen sei „berühmt durch ihre Würste und Universität“, sie gefalle einem am besten, „wenn man sie mit dem Rücken ansieht“. „Die Zahl der Göttinger Philister muss sehr groß sein, wie Sand, oder besser gesagt, wie Kot am Meer“. Als Student war Heine zweimal in Göttingen und machte hier am Ende seinen Doktor der Jurisprudenz, ohne das Fach besonders zu schätzen. In der Stadt kannte er vier Stände, Studenten, Professoren, Philister und Vieh. „Der Viehstand ist der bedeutendste.“ Das machte ihn bei den Göttingern nicht beliebt, wie er ohnehin vielen Lesern auch anderswo zu frech, zu kess, zu respektlos erscheint. De facto eine seiner größten Stärken.

Insofern ist Heine für ein modernes Stadtmarketing nicht so leicht zu verwerten wie etwa Karl-Friedrich Gauß (vgl. z.B. Michael Kehlmann: Die Vermessung der Welt). Für Heine war Göttingen wichtig, aber doch nicht so wichtig wie manche Göttinger denken. Die „Harzreise“ war hauptsächlich eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Wie andere Werke von ihm auch. Und Göttingen, das als Universitätsstadt ursprünglich für den Geist des Fortschritts, der Aufklärung und der Moderne stand, war zu Heines Zeit in eine beidermeierliche Phase eingetreten, wie der gegenwärtige Stadtarchivar Göttingens, Dr. Ernst Böhme, ein geborener Göttinger, behauptet. „Die provinzielle Arroganz und Hybris, sich immer mit den größten Universitaten der Welt zu messen und sich für den Nabel der wissenschaftlichen Welt zu halten“, sei bis heute eine Schwäche Göttingens, meint Böhme (Harald Hordych, SZ 2./3.1.16). Wir sehen also, dass – bei weitem – genug Selbstkritik vorhanden ist.

Heute muss sich Göttingen ja mit „Weltuniversitäten“ wie Eichstätt, Paderborn und Esslingen vergleichen … Eine Folge der bizarren Wissenschaftspolitik in Europa und Deutschland. Heinrich Heines „Harzreise“ ist für diejenigen, die lesen können, eine Reise in die Freiheit und ein Manifest für den freien Geist, den es gerade heute zu verteidigen gilt. Wo islamistischer Terrorismus einerseits und akademischer Mief andererseits die Welt bedrohen.

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