Claude Lanzmann hat den Dokumentarfilm
„Shoah“ (1985)
gemacht. Er ist neun Stunden lang. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich ihn mit drei jüngeren Kolleginnen und Kollegen konzentriert angeschaut habe. Wir hatten uns dafür zwei Tage reserviert. An diesem Jahrhundertwerk, in dem Holocaust-Opfer auf der ganzen Welt befragt werden, hatte Lanzmann zwölf Jahre gearbeitet. Es hat unsere Sicht auf den Holocaust nochmals grundlegend verändert. Lanzmann war zu der Überzeugung gelangt, dass der Holocaust nicht in einem Spielfilm dargestellt werden könne, auch nicht etwa durch Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ (1993).
Nun wird Claude Lanzmann 90 Jahre alt (Fritz Göttler, SZ 27.11.15). Er entstammt einer kommunistischen Familie und geriet durch seinen Vater in die Resistance. Darüber erfahren wir sehr viel in Lanzmanns „Erinnerungen“, die 2009 (dt. 2010) unter dem Titel
„Der patagonische Hase“
erschienen sind (682 S.). Ein unbedingt lesenswertes Buch. Lanzmann, der nicht an mangelndem Selbstbewusstsein leidet, hatte nach 1945 in Tübingen studiert und war an der Freien Universität Berlin als Lektor tätig. Auf einige Zeitungsartikel nach seiner Rückkehr nach Frankreich wurde Jean-Paul Sartre aufmerksam und holte ihn in die Redaktion von „Temps Modernes“, wo Lanzmann heute noch Herausgeber ist. Mit Sartre und Simone de Beauvoir lebte Claude Lanzmann in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts in einer eigentümlichen Mémage-à-trois (mehr darüber im „Patagonischen Hasen“). In zweiter Ehe war er verheiratet mit der deutschen Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff.
1972 erschien sein erster Film „Pourquoi Israel“, dessen Titel schon alles sagt. Nach „Shoah“ drehte Lanzmann noch „Tsahal“ (1994) über die israelische Jugend beim Militär. Damit hat er sich auf der politischen Linken in Europa sehr unbeliebt gemacht. Aber er geht eben realen Machtfragen nicht aus dem Wege, was ich für seine Stärke halte. 2013 erschien Lanzmanns
„Der letzte Ungerechte“
über den letzten „Judenältesten“ von Theresienstadt, Benjamin Murmelstein, der nach Meinung von Lanzmann viel zu schlecht beurteilt wird, weil er in seiner Funktion manche moralisch faulen Kompromisse mit den Nazis schließen musste.
Ich kenne kaum einen alten Mann, der körperlich so robust wirkt wie Claude Lanzmann.