1075: Hans Mommsen gestorben

Hans Mommsen, vielleicht der wichtigste deutsche Historiker in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, ist im Alter von 85 Jahren gestorben (sein Zwillingsbruder Wolfgang, ebenfalls Historiker, ertrank 2004 in der Ostsee). Sein Ururgroßvater war der Literaturnobelpreisträger Theodor Mommsen gewesen. Mommsen hatte bei dem konservativen jüdischen Historiker Hans Rothfels in Tübingen studiert. 1968 wurde er Professor an der neu gegründeten Ruhr-Universität Bochum. Schon als jungem Mann war es ihm – teilweise nur mit Aufsätzen – gelungen, der Geschichtswissenschaft neue Impulse zu geben.

1. 1964 vertrat er die These, die Zeitgeschichte dürfe nicht „dabei stehen bleiben, eine Kritik der Vergangenheit zugunsten der gelebten Gegenwart zu liefern, sie muss zugleich die Geschichte der jüngsten Vergangenheit von den Fragen her neu durchdenken, die von ihr her über Tage oder unterirdisch auf das gegenwärtige Handeln einwirken“.

2. 1966 erklärte Mommsen, dass die Widerständler des 20 Juli 1944 bei aller Tapferkeit als Vorbilder für die Bundesrepublik wenig taugten.

3. Mommsen verlangte die Einbeziehung von Kommunisten in den Kreis der anerkannten Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

4. 1971 erklärte Mommsen Hitler zum „schwachen Diktator“, womit gemeint war, dass Hitler sich stets mit schwachen Helfern umgab, keine Gegenargumente gelten lassen konnte und wenig Empfinden für Format hatte.

5. Mommsen „begründete“ den Funktionalismus in der Historiografie, der darauf gründete, dass man nicht das NS-Regime, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust aus dem Charakter einer Person (Hitlers nämlich) erklären könne.

6. Mommsen erkannte, dass der Holocaust auch auf den Gefühlen „niederer Chargen“ beruhte, was Ian Kershaw später „dem Führer entgegen arbeiten“ nannte (Franziska Augstein, SZ 6.11.15).

7. Mommsen stand im Historikerstreit 1986 auf der Seite der erklärten Gegner Ernst Noltes.

8. Kritiker warfen Mommsen vor, der Funktionalismus in der Geschichtswissesnchaft könne die persönliche Verantwortung Einzelner zu gering gewichten.

9. In der „Reichstagsbrand-Kontroverse“ (ab 1959) hält Hans Mommsen 1964 unbeirrt an der „Einzeltäter-These“ (Marinus van der Lubbe) fest, obwohl die Version, dass es die Nazis selber waren, politisch opportuner ist (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg. 2. Aufl. 2009, S. 27-34).

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