1072: Martin Luther – 2015 zeitgemäß ?

Johann Hinrich Claussen rezensiert (SZ 30.10.15) das neue Buch von Reinhard Schwarz:

Martin Luther – Lehrer der christlichen Religion. Tübingen (Mohr Siebeck) 2015, 544 S., 39 Euro.

Dabei ist er nicht nur des Lobes voll für die frische, biegsame, elastische Sprache, die dem Gegenstand völlig angemessen sei, sondern findet auch zahlreiche treffende Zitate. Vor allem aber verweist Claussen auf das Buch des Göttinger Kirchenhistorikers Thomas Kaufmann „Geschichte der Reformation“ (2009), in dem dieser gezeigt habe, dass Luthers Theologie nur aus der Analyse

der sozialen und politischen Umbrüche seiner Zeit

zu verstehen sei. Heinz Schilling habe in seiner Luther-Biografie von 2012 belegt, dass Luther Zeuge einer Zeit war, die nicht mehr die unsere sei. Luther erscheint als

„Fremder und ganz anderer“.

„Luthers Theologie ist schwer zu greifen. Er selbst hat sie nie in einem System entfaltet. Die meisten seiner Veröffentlichungen waren Gelegenheitsschriften. Wer Luthers Theologie darstellen will, muss also sein immenses Gesamtwerk überblicken – eine wahrhaft herkulische Aufgabe -, um dann – was noch schwieriger ist – die wesentlichen Aspekt herauszufiltern und in einen plausiblen Gedankengang einzuordnen, ohne ihnen dabei jedoch ihre Lebendigkeit zu rauben. Daran sind viele Lutheraner gescheitert. Die Epigonen im 17. Jahrhundert haben Luthers Theologie in das starre Schema der orthodoxen Dogmatik gepresst, viele spätere Luther-Forscher sind ihnen darin gefolgt. Schwarz geht glücklicherweise einen anderen Weg. Er versucht, Luthers Gedankenmotive in ihrer inneren Kohärenz darzustellen, ohne sie jedoch ‚in Ordnung bringen‘ zu wollen. Vielmehr zeigt er, wie Luther in einer überaus intensiven Bibellektüre zu neuen, höchst spannungsgeladenen Einsichten gelangt. Es geht dem Reformator nicht um ewige und objektive Wahrheiten, sondern darum, seinen subjektiven Erfahrungen auf den letzten Grund zu gehen.“

„Dabei verschweigt Schwarz die abgründigen Seiten des Reformators nicht, aber er macht sie nicht zum alleinigen Gegenstand der Betrachtung, wie es heute fast schon Mode ist. Luther war eben nicht nur der konfliktfreudige Aufrührer, der schreckliche Wüterich, sondern auch ein religiöser Mensch, der seinen Glauben gefunden hatte und ihn auch ohne polemische Antithese zu formulieren wusste: still und konzentriert, sensibel und tiefsinnig.“

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