Seit Jean-Jacques Rousseau geistert die Figur des „edlen Wilden“ durch die Köpfe von Menschen und verwirrt ihre Gedanken. Ein rückwärts gewandtes Denken, das sich gerne auf die „gute alte Zeit“ bezieht, behindert Kreativität. Der Kulturanthropologe Jared Diamond, der seit 50 Jahren die unterschiedlichsten Ethnien erforscht, entzaubert Rousseau nun in einem Interview mit der SZ (Jörg Häntzschel 24./25.11.12).
Diamond über Rousseau: „… Er wusste nichts von diesen Völkern, aber bewunderte sie von seinem Arbeitszimmer aus als edle Wilde. Die große Mehrheit der Anthropologen idealisiert die Menschen aus den traditionellen Gesellschaften noch immer. Tatsache ist, dass Menschen eben Menschen sind. Sie führen Krieg oder leben in Frieden, je nach den Umständen. Sie sind grausam oder wunderschön. Das trifft auf die Deutschen, die Amerikaner und die Kaulong zu. … Die Nomaden töten ihre Alten, weil sie sonst die ganze Gruppe aufhalten würden. …“
Dem fügt Andrian Kreye
über die grausame Esoterik
hinzu:
„Der buchstäblich edle Wilde findet sich vor allem im Weltbild eines ökologischen Populismus, der den radikalen Verzicht als einzigen Weg der Rettung vor dem planetarischen Super-GAU erkennt. Da macht sich eine Zivilisationsmüdigkeit breit, die nicht nur den Fortschritt, sondern in ihrer letzten Konsequenz auch den Menschen an sich in Frage stellt. Gerade in der Esoterik finden sich Untergangsphantasien, die noch ein Stückchen grausamer sind als die christlichen und islamischen Apokalyptiker, weil es keine Erlösung von den Sünden gibt.“