280: Der Kampf um Schavan

Unter Nummer 272 ist der Fall Schavan hier aufgegriffen worden. Er ist so wichtig, weil es hier um die Bundesbildungsministerin geht. Und die Frage, ob bei ihr andere Maßstäbe angelegt werden als in den Fällen Guttenberg, Koch-Mehrin, Chatzimarkakis, Mathiopoulos, Althusmann und anderen.

Dass die Union sich für Schavan stark macht, ist nicht verwunderlich. Ein Ersatz für sie steht nicht bereit. So wird auf Durchhalten geschaltet. Viele erwarten wohl ohnehin, dass sich Schavan nach der nächsten Bundestagswahl zurückzieht. Hoffentlich steht dann ein Ersatz bereit.

Dass jemand wie Volker Kauder die Universität Düsseldorf angreift und unter Druck setzt, lässt tief blicken, ist für mich aber nicht völlig unerwartet. Das ist politischer Machtkampf. Kauder: „Ich bin entsetzt über die Art und Weise, wie die Universität in Düsseldorf vorgegangen ist. Hier ist gegen alle Formen verstoßen worden, die es für ein faires Verfahren braucht. Alle an diesem Verfahren Beteiligten sind so eindeutig befangen. Deshalb muss das Verfahren so schnell wie möglich beendet werden. Es muss noch einmal an anderer Stelle von Anfang an neu begonnen werden – selbstverständlich auch mit neuen Gutachtern.“ (Die Welt 20.10.12)

Dass die Herren der deutschen Wissenschaftsorganisationen (DFG, Helmholtz-Gesellschaft et alii) sich vor Schavan stellen, ist verwunderlich, weil sie Wissenschaftler sind, aber nicht verwunderlich, weil sie mit der Ministerin zusamenarbeiten und von ihr abhängig sind. Unter sein Niveau gegangen ist Kurt Biedenkopf. Er vergaloppiert sich, wo er auf die Frage der FAS (21.10.12) „Hat die Öffentlichkeit kein Recht darauf, zu erfahren, ob eine Ministerin bei der Doktorarbeit geschummelt hat?“ antwortet: „Frau Schavan hat nicht geschummelt; sie hat auch Sekundärliteratur verwendet. Das hat ihr Doktorvater gebilligt. Ihre Arbeit hat er als korrekt und regelgerecht bezeichnet. Das jetzige Verfahren um ihre Dissertation ist nicht akzeptabel. Es ist unzulässig, heute Maßstäbe anzuwenden, die vor 32 Jahren nicht gegolten haben.“

Da ist es wieder, das Märchen davon, dass 1980 andere Maßstäbe gegolten hätten als heute. Das ist eine Schutzbehauptung. Was wir an Biedenkopfs Äußerung aber auch sehen, ist der Umstand, dass der Doktorvater, heute wahrscheinlich schon ein älterer Herr, damals anscheinend nicht korrekt gearbeitet hat. Falls Frau Schavan so naiv war und die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens entweder nicht kannte oder nicht beherrschte, hätte ihre Doktorarbeit von der Universität Düsseldorf niemals angenommen werden dürfen. Vielleicht hat Frau Schavan noch nicht einmal heute begriffen, was sie damals getan hat.

Zum Glück behält der Rektor der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Michael Piper, ein Mediziner, die Nerven und weicht vor politischem Druck aus der Union nicht zurück. Er kritisiert die Herren der Wissenschaftsorganisationen dafür, dass sie das Gegenteil davon tun, „was sie in den vergangenen Jahren vereinbart haben“. Piper stellt klar, dass die Maßstäbe bei der Beurteilung des Falls Schavan die gleichen sein müssen wie bei anderen Fällen und dass die Standards eingehalten werden müssen. Und er sagt: „Die wissenschaftliche Wahrheit unterliegt keinem zeitlichen Verfall.“ (SZ 20./21.10.12)

Es sind gerade die Anwälte von Annette Schavan, die erreicht haben, das die Universität Düsseldorf nicht über alle sachlichen Details sprechen kann. Piper: „Wir können offen reden, aber es gibt Dinge, die ich aufgrund dieses sogenannten Maulkorbs nicht beantworten kann. …“ Und weiter: „Die Worte von Herrn Kauder und ähnliche Aussagen haben mit der Sache nichts zu tun, sie spiegeln nur die innere Aufregung wider. Dafür habe ich kein Verständnis. Unsere Prüfung läuft nach den üblichen Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis.“ Piper erklärt auch, dass die Universität Düsseldorf bestohlen worden ist und nicht selbst Teile des Gutachtens veröffentlicht hat. Sie hat Strafantrag gestellt.

Es wird immer wieder gesagt, dass die gute Arbeit der Ministerin nicht von einem Plagiat beeinträchtigt werde. Und in der Tat hat das eine mit dem anderen wenig bis gar nichts zu tun. Aber ich finde die Arbeit der Ministerin nicht gut. Sie ist mit für die Fehler beim Bologna-Prozess (Bachelor- und Master-Studiengänge) und beim Abitur nach acht Jahren verantwortlich. Sie steht für die Verbürokratisierung der Hochschulen. Ihre ganze Art ist naiv in Bezug auf die Wissenschaften. Jürgen Kaube hält es für „absurd“, dass Schavan es in dem Plagiatsfall „der Wissenschaft schuldig“ sei, gegen die Vorwürfe vorzugehen (FAS 21.10.12).

Jürgen Kaube nimmt in der FAS (21.10.12) die Geisteswissenschaften unter die Lupe. Dabei formuliert er gewagt: „Es ist bekannt, dass in der deutschen Erziehungswissenschaft kaum geforscht wird.“ Viele Disziplinen pflegten eine hohe Toleranz gegenüber Arbeiten, die eigentlich nur im Zusammenfassen anderer Arbeiten bestünden. Sie akzeptierten reine Fleißarbeiten und beharrten doch auf Originalität. Falls Kaube Recht hat, wird es höchste Zeit, diese Zustände zu verändern. Aufhören müssen vor allem die Gefälligkeitspromotionen für bekannte Politiker nicht zuletzt in der Rechtswissenschaft und in den Wirtschaftswissenschaften.

Christiane Hoffmann (FAS vom 21.10.12) zeigt viel Verständnis für die Union. Aber sie weist auch darauf hin, dass Schavans Einfluss groß ist. „Sie bestimmt über die Vergabe von Mitteln und über Karrieren.“ „Drei Werke, aus denen sie sich bedient, werden im Literaturverzeichnis gar nicht erwähnt.“ Hoffmann vertritt die Meinung, dass ein Thema wie „Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung.“ zu ausufernd sei und nie hätte vergeben werden dürfen. Vor allen Dingen nicht an eine junge Studentin, die zuvor noch nie eine längere wissenschaftliche Arbeit verfasst hatte. Dem kann ich mich nur anschließen.

Hoffmann nimmt an, dass es für eine Forschungsministerin nicht allzu schwer sei zu erreichen, dass ein zweites Gutachten zu einem anderen Ergebnis gelange als das erste, vernichtende. Dieses sah eine „leitende Täuschungsabsicht“ bei Annette Schavan. Ich hoffe, dass sich Christiane Hoffmann hier täuscht. Im Interesse der Wissenschaft.

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