Mit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg (1400-1468) begannen die großen Beschleunigungen der Neuzeit. Es setzte ein der
Machtverlust der Kirche,
das Bürgertum trat seinen Siegeszug an,
der Journalismus entstand.
Martin Luther (1493-1546)
wurde so etwas wie der erste Journalist. Die Reformation verbreitete sich rasend schnell. Durch die Presse konnte Luther wie zu einem Auditorium sprechen. Er redete mit seinen Lesern wie mit Zuhörern in einem Raum. Der schreibende Luther brauchte keine Agora, keinen Senat, keine Aula, keinen Reichstag mehr, um Menschen zusammenzubringen, anzustiften, zu überzeugen.
Die Presse
und das gedruckte Wort werden wir deshalb nie unterschätzen. Und ging nicht die Erfindung des Rotationsdrucks für die Massenpresse dem ersten modernen Krieg voraus, dem US-amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865)? (Volker Zastrow, FAS 18.1.15)
Die genannten Tatsachen werden neuerdings gerne ins Feld geführt, wenn es darum geht, die Handschrift abzuschaffen und nicht mehr in der Schule zu lehren, allenfalls in rudimentärer Form. Dabei wird übersehen, dass es beim Schreiben mit der Hand um mehr geht, als nur Buchstaben zu Papier zu bringen. Es geht um alle Sinne. Alles konzentriert sich auf einen Punkt, auf die Spitze des Stifts, aus der Buchstaben auftauchen, die Wörter formen, die den Gedanken entspringen. Ausschweifungen sind nicht möglich, wenn Sinn entstehen soll. Das einmal Gedachte lässt sich wie das einmal von Hand Geschriebene nicht zurücknehmen. Das sorgfältige Schreiben mit der Hand wird zum Abbild des sorgfältigen Denkens. Durch das Schreiben mit der Hand wird das Geschriebene konzentriert. Die Schrift zwingt zum genauen Denken. Mit der Hand zu schreiben hilft dabei, schneller zu lesen, sich Informationen besser zu merken.
Das Tippen am Computer vermittelt dagegen die Illusion einer Welt ohne Fehler und Scheitern. Alles kann gelöscht, umgestellt, geändert werden. Vielleicht sehnen sich die Erwachsenen deshalb so danach. Die Anstrengung und mögliche Enttäuschung beim Schreiben mit der Hand, die sie selbst fürchten, wollen sie den Kindern vorenthalten. Sie wollen ihre Kinder zu effizienteren, normierteren, angepassten Menschen machen (Simona Pfister, FAS 18.1.15).
Aber das wollen wir doch gar nicht.
Wir wissen außerdem, dass die Studenten, die sich in der Vorlesung Notizen mit der Hand machen, bei der Wiedergabe von Fakten deutlich besser abschneiden als diejenigen, die auf einem Laptop schreiben. Gerade bei komplexeren Zusammenhängen. Die höhere Schreibgeschwindigkeit mit dem Laptop verleitet dazu, wörtlich mitzuschreiben. Papier- und Stiftbenutzer verarbeiten den Inhalt eher in eigenen, knappen Worten und verinnerlichen besser (Georg Rüschemeyer, FAS 18.1.15).
Die Schriftstellerin Cornelia Funke schreibt seit drei Jahren ihre Bücher wieder mit der Hand. Katrin Hörnlein und Jeanette Otto haben sie für die „Zeit“ interviewt (9.7.15).
Zeit: In Deutschland gibt es .. seit Jahren eine Debatte über die Schreibschrift. Vom Grundschulverband kommt die Empfehlung, künftig nur noch die sehr viel einfachere Grundschrift zu lehren. In etlichen Bundesländern geschieht das bereits.
Funke: Das verstehe ich überhaupt nicht. Wenn es die Schreibschrift noch nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Ich glaube ganz fest daran, dass die Schreibschrift für Kinder und Jugendliche ein wunderbares Mittel ist, um sich selbst zu entdecken.
Zeit: Was entdeckt man da?
Funke: In der Art und Weise, wie wir schreiben, erkennen wir uns selbst – unsere Kraft, unsere Unsicherheiten. Wir sehen, ob wir gerade sehr aufgeregt und nervös sind oder ganz ruhig. Ob wir uns kleinmachen, wenn wir die Buchstaben klein halten, oder einen Platz in der Welt mit ausladenden Bögen behaupten. Im Schreiben drückt sich unsere Persönlichkeit aus.
Zeit: Das Argument gegen die Schreibschrift ist, dass die Kinder diese in der Arbeitswelt später nicht brauchen, da sei schnelles Tippen gefragt. Leuchtet Ihnen als studierter Pädagogin das nicht ein?
Funke: Überhaupt nicht! Erstens haben wir keine Ahnung, wie die Arbeitswelt in einigen Jahren aussehen wird – die Welt befindet sich in einem Umbruch wie nie zuvor. Und zweitens glaube ich, dass Kinder sowieso schon viel zu früh auf die Arbeitswelt vorbereitet werden anstatt auf die wirkliche Welt.
Zeit: Was meinen Sie mit der wirklichen Welt?
Funke: Wenn unsere Kinder eins für die Zukunft lernen müssen, dann kreative Lösungen für Probleme zu finden. Das Gegenteil ist der Fall. Der Kunstunterricht etwa wird gern abgeschafft, weil er nicht als besonders nützlich für die Vorbereitung auf das spätere Leben angesehen wird. Stattdessen wird nutzloses Wissen in die Köpfe gestopft. Es geht immer um Effizienz und Optimierung. Das finde ich ganz furchtbar!
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