Karl Heinz Bohrer wird 80 Jahre alt. 39 davon lebt er in London. Nun hat das SZ-Magazin (5.10.12) dem ehemaligen Literaturchef der FAZ, Professor für Literaturwissenschaft und langjährigen „Merkur“-Herausgeber ein Interview gewidmet. Sven Michaelsen hat es geführt. Bohrers Autobiografie „Granatsplitter“ ist erschienen.
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M.: Sie behaupten, „Achtundsechzig begann mit den Partynächten von 1964, am frühesten in Hamburg“.
B.: Das Zentrum kulturrevolutionärer Stimmung waren die ausschweifenden Intellektuellen-Partys im Hause des Hamburger Lyrikers Peter Rühmkorf, ein Mann von großem Prestige und ein ganz großer Unterhalter. Er war eng befreundet mit dem „Konkret“-Herausgeber Klaus Rainer Röhl und dessen Frau Ulrike Meinhof. Die Partymusik kam von den Beatles und galt als revolutionär. Deshalb erschienen die Songtexte in rührender deutscher Übersetzung in „Konkret“. Das Lied „Michelle“ war das Startsignal, die Institution Ehe aufzukündigen und auf Frauenraub zu gehen.
M.: Sie waren mit Ulrike Meinhof befreundet. Wie verhielt sie sich auf diesen Partys?
B.: Die meiste Zeit war sie in Gespräche vertieft, umgeben von einem Flor aus Ernsthaftigkeit, Melancholie und Konzentration. Aber wenn sie tanze, tanzte sie wie eine anmutige Frau. Von einer spröden, nur vom Gehirn kontrollierten Intellektuellen konnte keine Rede sein. Sie hatte eine durchaus sinnliche und warmherzige Ausstrahlung und war nicht unattraktiv. Nichtsdestotrotz waren die Unterhaltungen mit ihr frei von allen Anzüglichkeiten, erotischen Zweideutigkeiten und Ungesagtheiten. Mit mir hat sie sich vielleicht auch deshalb so gern unterhalten, weil ich gegenüber dem Marxismus eine so radikal abwertende Haltung hatte und gleichzeitig in ihren Augen so etwas wie ein Revolutionär war. Einmal sagte sie: „Es wäre so schade, wenn du der Revolution verloren gehen würdest.“
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M.: Viele Linksintellektuelle waren für Sie theoretisch unbeschlagene „Großmäuler, die eigentlich nicht bis drei zählen konnten“ und „jeden, der nicht mit von der Partie war, verbal zum Abschuss freigaben“.
B.: Fatal und flächendeckend opportunistisch wurde die Sache erst, als aus diesen ehrgeizigen Typen Hochschulprofessoren wurden, die ihre Seminare nach Gewerkschaftsmuster einrichteten und alle in Reih und Glied mit der gleichen Meinung abrufbar waren. Ich habe den sardonischen Verdacht, dass nicht wenige dieser Leute 35 Jahre vorher Nazis geworden wären. Sollte es stimmen, dass unter den prominenten Progressiven von heute viele potenzielle Nazis stecken, ist das, was sie über die Nazis sagen, ironisch und komisch.
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M.: Warum wurden Sie 1973 als Literaturchef gefeuert?
B.: Joachim Fest sollte neuer Herausgeber werden und machte es zur Bedingung, dass sein Freund Marcel Reich-Ranicki meinen Posten bekommt. Dessen am traditionellen Realismus orientierten Literaturvorstellungen lagen Fest sehr viel näher als meine. Ob meine intellektuellen Schrillheiten und politischen Zweideutigkeiten – siehe Baader-Meinhof – eine Rolle spielten, möchte ich nicht kommentieren. Namhafte Leute von Enzensberger bis Habermas protestierten in öffentlichen Telegrammen gegen Reich-Ranicki, aber ich sah, dass er es schaffen würde, die FAZ zu dem Organ des bürgerlichen Buchlesers zu machen. Das habe ich nie gewollt. Kurz bevor ich für die Zeitung nach London ging, habe ich ihm in der großen Konferenz gesagt: „Reich-Ranicki, Sie sind die Rache von Jud Süß am deutschen Bürgertum.“ Ich vermute, dass er diesen Satz nicht als Kompliment empfunden hat, obwohl er so gemeint war.
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M.: Von 1984 bis Anfang dieses Jahres waren Sie Herausgeber und Autor des „Merkur“ und stritten mit polemischem Furor gegen die geistigen Verhältnisse. In einer berühmt gewordenen Serie porträtierten Sie Deutschland unter dem ewigen Kanzler Kohl als vulgäre „Fußgängerzone des Geistes“, in der „die Differenz zwischen Sektvertretern und Staatsvertretern“ verloren gegangen sei. Eine ihrer Diagnosen lautete: „Es gibt eine Misere in Deutschland, die kann man nicht abwählen. Und es gibt ein Unvermögen, das kann kein Bruttosozialprodukt ausgleichen. Diese Unvermögen ist die Unfähigkeit zu Stilbewusstsein.“
B.: Ein Soziologe würde sagen, dass Verhässlichung und Vulgarisierung nun mal Sachverhalte jeder modernen Massendemokratie seien. Ich dagegen habe einen romantischen Blick, wie Menschen sein sollten, wie Kultur sein sollte. Ästhetik und Politik gehören für mich zusammen. Nehmen Sie die bisslose Harmlosigkeit politischer Karikaturen selbst in besseren Zeitungen, die Einfallslosigkeit der Reklame oder die psychologische Einfalt von Serienfilmen: eine Welt ohne formale Sophistication.
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M.: Sie waren mit der Schriftstellerin Undine Gruenter verheiratet. Was lernt ein Literturtheoretiker, wenn er mit einer Literatin zusammenlebt?
B.: Die unausgesprochene Vereinbarung war, dass wir nicht über unsere Arbeit reden. Meine stille Bewunderung galt dem Lakonismus ihrer Wahrnehmung und ihrer Fähigkeit, Sachverhalte brutal zu benennen. Undine hatte eine tiefe Skepsis gegenüber meinen Wissenschaftskollegen. Auch den typischen gedankenvollen, kulturkritischen Aufsatz im „Merkur“ fasste sie, wenn überhaupt, nur mit spitzen Fingern an. Im Namen von etwas für etwas zu sein, fand sie unerträglich.
M.: Gottfried Benn unterhielt mit Undine Gruenters Mutter eine erotisch eingefärbte Brieffreundschaft. Mit 68 schrieb er ihr: „Zu Ihrem neulich gesandten Bild: mich stört der Säugling auf ihrem Arm, sieht so blöd aus.“ Der Säugling war ihre Frau, die in einem Waisenhaus landete.
B.: Bitte vermerken Sie mein Zögern, Ihnen über diese traumatischen Familienverhältnisse Auskunft zu geben. Als Undine geboren wurde, war ihr Vater, der Germanist Rainer Gruenter, Habilitand, die Mutter, Astrid Gehlhoff (das ist Astrid Claes, W.S.), schrieb an ihrer Promotion über Gottfried Benn und wollte Schriftstellerin werden – was ihr dann ja auch gelungen ist. Zu den Geldnöten der beiden kam die Schande der unehelichen Geburt, wie das damals hieß. Der Vater konnte seine Tochter nicht annehmen, da er noch mit einer anderen Frau verheiratet war. Das hätte seine Professorenkarriere gefährdet. So ist der Skandalfall zu erklären, dass Undine für eineinhalb Jahre in ein Heim kam. Anschließend lebte sie fünf Jahre bei ihren Großeltern.
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(für Wolfgang Hoffbauer)