Birger Priddat lehrt Politische Ökonomie an der Universität Witten/Herdecke. Er hält den Kapiatlismus für „ungeheuer durchsetzungsfähig“ (SZ 28.9.12). Markus Balser hat ihn interviewt.
SZ: Seit Beginn der Finanzkrise schwindet das Vertrauen der Menschen in die freien Märkte rapide. Immer mehr suchen nach Alternativen, arbeiten an Visionen und Utopien. Haben neue Wirtschaftsformen jetzt eine größere Chance?
Priddat: Die Marktwirtschaft dient jedenfalls nicht mehr als gesellschaftlicher Hoffnungsträger. Lange glaubten die Menschen, mit Arbeit und Investitionen mehr Wohlstand schaffen zu können. Diese Hoffnung auf ein besseres Leben hat den Kapitalismus getragen – vor allem in den unteren Schichten der Gesellschaft. Sie hat auch Gewerkschaften und Sozialdemokraten über viele Jahre beflügelt und den Mittelstand entstehen lassen. Die große Hoffnung auf ein breites Wachstum des Wohlstands scheint nun aber endgültig vorbei.
SZ: Warum?
Priddat: Wir erleben gerade eine einschneidende Wende in der Wahrnehmung unserer Wirtschaftsordnung. Das hat nicht allein mit der Krise zu tun. In unserer modernen Industriegesellschaft entwickelt sich zum ersten Mal eine Generation, die nicht mehr davon ausgehen kann, dass ihre materielle Situation besser ausfallen wird als die ihrer Eltern. Das ist neu und wird zu einem Umdenken führen. Die Marktwirtschaft verliert damit an Zugkraft. Das Wohlstandsniveau wird bleiben, aber als Hoffnungswert könnte der Kapitalismus bald ausgedient haben. In diese Leere können neue Vorschläge treten, aber es wird für Visionäre schwer, das System zu ändern.
SZ: Was meinen Sie?
Priddat: Es gibt viele Utopien, aber wenig, was dem Kapitalismus aus heutiger Sicht realistischerweise Konkurrenz machen kann. Wir müssen aufhören, zu glauben, dass wir die Marktwirtschaft ablegen können wie einen alten Hut. Sie hat unser Leben so stark durchdrungen, dass sie sich nicht einfach ersetzen lässt. Veränderungen werden sich eher in kleinen Schritten vollziehen.
SZ: Evolution statt Revolution?
Priddat: Ich glaube nicht an einen schnellen radikalen Wandel. Der Kapitalismus ist ein ungeheuer durchsetzungsfähiges System. Es ist sehr geschmeidig und passt sich rasch an. Und wir dürfen nicht vergessen: Für weite Teile der Menschheit, im Moment vor allem in Schwellenländern, ist die Chance auf mehr Wohlstand durch den Kapitalismus nach wie vor groß. Aber wir werden immer mehr Veränderungen in der Marktwirtschaft selbst erleben, alleine durch die Anforderungen der Schulden, des Klimas, der neuen Technologien.
SZ: Was genau erwarten Sie?
Priddat: Nehmen Sie nur das Anbieten von Gratissoftware im Internet: Die Idee, die Gesellschaft gemeinschaftlich zu organisieren, wird eine Renaissance erleben. Klar ist: Die großen Probleme und Risiken unseres Wirtschaftens, die Finanzrisiken, ökologische Risiken, Klima- und Umweltrisiken, zwingen uns dazu. Wir werden unsere Wirtschaftsordnung in jedem Fall verändern müssen, mit mehr Bankenregulierung und Umweltschutz etwa – und hoffentlich auch mit mehr Moral.
SZ: Sie glauben wirklich an mehr Moral?
Priddat: Ich hoffe. Wirtschaftsethik hat Konjunktur. Aber man muss einräumen, die Wirkung der schönen Worte auf das Handeln der Manager, Politiker wie der Bürger ist gering. Moral ist keine Lösung, sondern eher ein – wichtiger – Indikator für Probleme, die dann aber rechtlich, politisch, wirtschaftlich geklärt werden müssen. Und immer wieder neu.
SZ: Sie haben im Frühjahr in einem öffentlichen Aufruf mit 100 Kollegen eine neue Streitkultur in der Ökonomie gefordert. Warum trauen sich viele Ökonomen nicht, über den Tellerrand zu schauen?
Priddat: Die Grundzüge des Wirtschaftens stehen heute zu selten in Frage. Viel zu viele Forscher denken sehr stromlinienförmig. Wer Karriere machen will, darf nicht ausbrechen. Der Wissenschaftsbetrieb macht es Querdenkern schwer. Er hat sich zu einer Massenproduktion von Varianten Desselben entwickelt. Wer aber Fortschritt will, muss neues Denken erlauben.