Den Medien und den Massenmedien ist stets von interessierter Seite mit Misstrauen begegnet worden. Das war schon bei der Erfindung des Buchdrucks so, bei der Presse, beim Film und beim Fernsehen. Inzwischen gibt es ähnliche Vorbehalte gegenüber dem Computer und dem Internet. Das macht die Vorwürfe nicht schlüssiger, auch wenn sie manchmal aus der „Hirnforschung“ stammen, die heute ja für alles herhalten muss.
Manfred Spitzer leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und schreibt Sachbücher. Sein letztes
Digitale Demenz. München (Droemer) 2012, 19,99 Euro,
ist schon zum Bestseller geworden. Das entspringt der Angst der Eltern, ihre Kinder würden durch Computer und Internet dumm, dick, süchtig, einsam und gewalttätig. Dass diese Befürchtungen gerade in der allgemeinen Form nicht zutreffen, haben Werner Bartens und Christian Weber in der „Süddeutschen Zeitung“ (8./9.9.) und Harald Staun in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (9.9.) recht ausführlich und detailliert belegt. Wenn Claudia Ehrenstein das Buch in der „Literarischen Welt“ (8.9.) milder beurteilt und viel Gutes findet, dann liegt das nicht an weiblicher Unfähigkeit oder Intuition, sondern hauptsächlich daran, dass Ehrenstein manche Problemstellungen bei Spitzer ausdrücklich anerkennt. So etwa beim „Anfixen“ von digitalen Medien im Kindergarten und in der Grundschule.
Bartens, Weber und Staun nehmen sich vor allem auch der Methoden, Zitierweisen und der Gültigkeit (Validität) der von Spitzer herangezogenen Studien an, von denen einige gar keine Studien sind, sondern Anekdoten, journalistische Überlegungen und Kaffesatzleserei. Staun überhöht die Naturwissenschaften, aber nur in Maßen. „Doch leider ist Spitzers Beitrag nicht einfach der übliche Kulurpessimismus; es ist Kulturpessimismus im Gewand der Naturwissenschaft.“ Was ich nicht ganz verstehe, ist, warum die Kritiker manchmal zu sehr polemischen Formulierungen greifen: „Missionar“, „Zusammengoogeln des Buches“, „Talkshow-Krawall“, „Krawallwissenschaftler“, „Bluff“, „peinliche Argumentationen“. Am weitesten geht dabei wieder Staun. Andererseits ist nicht zu verkennen, dass manche der Anwürfe unbedingt stichhaltig sind.
Bartens sieht ein „pseudowissenschaftliches Allerlei“, in das hin und wieder Schlüssigkeit vorspiegelnde grafische Darstellungen eingestreut würden. Das stimmt leider. Es ist ja ein weit verbreitetes Mittel, an Stellen, wo Unsicherheit herrscht, den Versuch zu machen, durch bildliche Darstellungen zu überzeugen, auch dann, wenn die Bilder manchmal gar keinen Beitrag zur Sache darstellen. So verhält es sich, wenn die Londoner Taxifahrer dafür herhalten müssen, dass sie sich allein auf ihr Navi verlassen und dabei die Orientierung verlieren. Für Bartens handelt es sich bei Spitzers Werk um ein „ärgerliches und schludriges Buch“. Erkenntnisse würden wild aus dem Zusammenhang gerissen und dort hineingestopft, wo noch eine Lücke sei. Spitzer prüfe an keiner Stelle etwa den „Zugewinn“ der digitalen Medien. Ein berechtigter und schwerwiegender Vorwurf. So „verdumme“ Spitzer in seinem Kapitel über die Schule, wo er „Verarbeitungstiefe“ und „Behaltensleistung“ in einen Zusammenhang bringen wolle.
Weber betont die mangelhafte methodische Qualität des Spitzer-Buchs. Manchmal sei der Autor nicht auf dem Stand der Wissenschaft, die er gerade heranziehe. Zentrale Diskussionen würden bisweilen völlig übergangen. „‚Digitale Demenz‘ ist ein miserables, ein semi-seriöses Buch, dass der Rezensent misslaunig zum Altpapier schubsen würde, wenn es nicht derzeit weit oben auf der Bestsellerliste stehen würde.“ Die vielen Studien, welche die Wirkung der digitalen Medien evaluieren würden, kämen fast alle zu dem Schluss, dass sie auch positive Effekte zeitigten. Bei der Nutzung für E-Mails, bei der Websuche und beim Einsatz von Bildungssoftware. In einigen Fällen verwende Spitzer Thesen über das Fernsehen als solche über’s Internet. Das ist grober Unfug. Spitzers Zitierstil sei „haarsträubend“. Spitzers Buch leide „unter der falschen Annahme, dass es um ein Ja oder Nein ginge, wo man doch nur noch über das ‚Wie?‘ diskutieren kann“. Hier ist Weber dezidiert zuzustimmen.
Staun geht besonders polemisch mit Spitzer um. „‚Digitale Demenz‘ ist ein unleserliches Buch, ein aus rostigen Studien, lahmen Alltagsweisheiten und gebrauchten Papers zusammengeschweißtes Konvolut, und wenn man ihm die Ferne zu seinem Gegenstand nicht auf jeder Seite ansehen würde, würde man ein Computerprogramm aus dem Internet für seinen Autor halten.“ Er arbeitet heraus, dass Spitzers Buch eines für Eltern ist, die Angst haben, weil sie die digitalen Medien, die die Kinder nutzen, selbst nicht beherrschen. „Das Gehirn hat nicht die Eigenschaften, die Neurowissenschaftler ihm metaphorisch zuschreiben: Es wägt nicht ab, es fällt keine Entscheidungen, es glaubt an nichts, weiß nichts, will nichts. Es denkt nicht einmal. Wir tun es mit ihm.“ Staun ist der Meinung, dass Spitzers Fehlleistung gerade deshalb bedauerlich ist, weil es, „was die Wirkung von Computern betrifft, tatsächlich ein paar Fragen gibt, welche die Hirnforschung helfen könnte, zu beantworten“.
Sogar an Computerspielen lässt Harald Staun ein gutes Haar. „Dass nämlich der Entscheidungszwang, dem Spieler ununterbrochen ausgesetzt sind, eine Reihe von kognitiven Fähigkeiten trainiert, die man durchaus unter dem Begriff ‚Intelligenz‘ einordnen könnte.“ Das ist plausibel.
Wir kommen zu dem Schluss, dass Spitzers Buch keine Hilfe für irgendjemanden ist. Nicht für Eltern und Kinder, nicht für Politiker und auch nicht für Wissenschaftler. Sie, liebe Leserin und lieber Leser, brauchen es gar nicht erst zu lesen.