Polen und Russland haben von der Geschichte des 20. Jahrhunderts viel aufzuarbeiten, den polnisch-sowjetischen Krieg 1919-1921, den Hitler-Stalin-Pakt 1939-1941, Katyn 1940, die Deportation von Polen in sibirische Arbeitslager, die Beteiligung der Sowjetunion an der Verhängung des Kriegsrechts unter General Jaruzelski 1981. Und noch vieles mehr. Tatsächlich gibt es seit 2008 eine gemeinsame „Kommission für schwierige Fragen“. Sie legte 2010 den Band „Weiße Flecken, schwarze Flecken“ vor, in dem jedes Thema je von einem russischen und einem polnischen Autor bearbeitet wurde.
Durch die Annektion der Krim und die russische Einmischung in der Ukraine ist diese Zusamenarbeit gefährdet. Das zeigte letzte Woche ein Historiker-Kongress in Danzig, zu dem auch so angesehene Historiker wie Timothy Snyder angereist waren. Streit gab es
1. über die Rolle der polnischen „Heimatarmee“. Sie hatte sowohl gegen Hitler als auch gegen Stalin gekämpft. Russland sieht sie als „Mittäter der Nazis“,
2. über die Verbrechen der Roten Armee, etwa die Massenvergewaltigungen,
3. über die Frage, ob durch den Einmarsch der Roten Armee in Polen im Zweiten Weltkrieg Polen „befreit“ wurde,
4. über die Frage, ob sowjetische Ehrenmäler in Polen beseitigt werden dürfen.
Das ist der historische Kern der Ablehnung der russischen Ukraine-Politik durch Polen (und viele andere Staaten).
Trotzdem versuchen Historiker weiterzuarbeiten an Dokumentenbänden zur russisch-polnischen Geschichte. Der brisanteste Band über die Jahre zwischen 1939 und 1945 wird von Natalja Lebedewa betreut. Er hätte längst erscheinen können. Aber Moskau hat wichtige Dokumente noch nicht freigegeben (Florian Hassel, SZ 13.5.15).
Ich möchte gar nicht wissen, wie viele „wichtige Dokumente“ noch in Archiven lagern, die – aus welchen Gründen auch immer – zurückgehalten werden… D.h., stimmt gar nicht: Ich will es ganz genau wissen, die Möglichkeiten werde ich aber höchstwahrscheinlich nie haben…