Die russische Historikerin Ljudmila Alexejewa hat 1976 mit anderen Dissidenten die Moskauer Helsinki-Gruppe gegründet, die sich für Menschenrechte einsetzt. Julian Hans hat sie für die SZ interviewt (28.4.15).
SZ: Einige sagen, die Propaganda in den russischen Staatsmedien sei heute schlimmer als zu Zeiten der Sowjetunion.
Alexejewa: Das ist ohne Zweifel so. Ich erinnere mich gut an die sowjetische Propaganda. Den größten Teil meines Lebens habe ich in der Sowjetunion verbracht. Als ich ein Mädchen war, vor dem Krieg und besonders während des Krieges haben wir daran geglaubt. Aber nach dem Krieg hat sich dieser Glaube nach und nach verflüchtigt. Wissen Sie, es fällt mir schwer, das auszusprechen, aber ich habe den Eindruck, dass unsere heutigen Propagandisten nicht bei ihren Vorgängern in der Sowjetunion gelernt haben. Sie haben von Goebbels gelernt.
SZ: Wo liegt der Unterschied?
Alexejewa: Die sowjetische Propaganda zielte auf den Verstand. Goebbels und unsere heutigen Propagandisten wirken auf das Gefühl und auf das Unterbewusstsein. Ich habe Metastasen dieser Propaganda sogar bei Menschen entdeckt, die ich viele Jahre für Gleichgesinnte gehalten habe.
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SZ: Warum wirkt die Propaganda trotzdem?
Alexejewa: Es gibt da eine Sache, die mir erst durch die Geschichte mit der Krim klar geworden ist. Ich hatte gehofft, dass es nicht so ist: Die große Mehrheit unserer Bürger ist mit dem imperialen Syndrom infiziert. Russland war nicht nur zur Sowjetzeit, sondern über Jahrhunderte ein Imperium. Unsere Bürger sind daran gewöhnt, dass wir ein großes, starkes Land sind, dass wir andere Territorien erobern können, dass man sich vor uns fürchtet. Und wissen Sie was: Sie wollen, dass man Angst vor uns hat! Das ist fürchterlich.
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