874: Der Anti-Tellkamp

Michael Pilz kennt die DDR-Literatur. Besonders gut kennt er die Literatur über die Vereinigung Deutschlands („Die Wende“). Nun schreibt er über

Peter Richters Epochenerzählung

89/90. München (Luchterhand) 2015, 416 Seiten; 19,99 Euro.

Pilz stilisiert den Band (Literarische Welt, 14.3.15) zum Anti-Tellkamp.

„Peter Richters Held, er selbst, tanzt als in dieses Land hineingeborener Anarchist durch seine vor sich hin bröckelnde Stadt, im Sommer 1989. Seine Freunde werden weniger, aber die Freunde, die nicht mit den Eltern in den Westen umsiedeln, treiben sich nachts herum und schlafen tags in ihren Schulbänken, besuchen Punkkonzerte, trinken reichlich Feldschlösschen und sind zu Mädchen nett, jedenfalls zu den schönsten.

Der, um den sich alles dreht, wohnt in einer der baufälligen Villen hoch über der Elbe, die man aus dem ‚Turm‘ von Uwe Tellkamp bereits bestens kennt, in einem Ärztehaushalt, und auch hier wird klassische Musik gehört, der Sohn geht in die Kirche. ’89/90′ aber liest sich wie ein Anti-Tellkamp, weil der Sohn den Krach von Kaltfront auf Kassetten den Rachmaninow-Platten der Eltern vorzieht und sich auch viel lieber zu den Säufern und Schlägern im Dynamo-Stadion gesellt als zu den Schnöseln auf dem Tennisplatz. ‚Milieu-Hopping‘, nennt Richter, was sein Held so treibt, und das beschreibt ein Dasein ohne Distinktionsgehampel und soziale Dünkel.“

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