Volker Weidermann schreibt sehr anschaulich über einen Journalisten-Roman:
Robert Kisch: Möbelhaus. Ein Tatsachenroman. Droemer, 315 Seiten, 12,99 Euro
(FAS 1.3.15). Darin geht es um den Untergang eines ehemals erfolgreichen Feuilleton-Journalisten. Robert Kisch ist ein „vielsagendes“ Pseudonym.
„Das Buch haut einen um. Vielleicht uns hier besonders, weil es eben auch von uns handelt, von der Feuilletonwelt, der Welt der Festangestellten, der Ironiker, von den Leuten, die sich so sicher wähnen und unbedeutende kleine Bürosorgen so lange besprechen, bis sie riesiggroß erscheinen. Und von der ganzen Welt der Zeitungen und Magazine, die auf Grund des Gratis-Journalismus im Internet seit vielen Jahren in der Krise steckt und dabei nach außen hin Normalität und Kontinuität simuliert, während seit Jahren Entlassungswelle auf Entlassungswelle folgt und freie Autoren von den gezahlten Honoraren längst schon nicht mehr leben können.
…
Wie ist es so weit gekommen? Da brauchte es nicht viel. Er ist zweimal falsch abgebogen, das reicht schon in diesen Tagen. Eigentlich verdiente er als freier Autor gut genug, wie er fand, doch dann kam sein Sohn auf die Welt, seine Frau sehnte sich nach Sicherheit, er fand das richtig. Er nahm eine feste Stelle bei einem neu gegründeten Magazin an, das wurde nach einem halben Jahr eingestellt. Gut, arbeitslos, kein Problem. ‚Vertrau mir‘, sagte er seiner Frau. Nächstes Magazin, nächste Stelle, wieder Hoffnung, Aufbruch, Herrlichkeit. Nach einem weiteren halben Jahr wird auch dieses Heft ‚vom Markt genommen‘, wie es heißt. Jetzt wird es schwierig.“
Unser Journalist findet einen Job in einem Möbelhaus.
„Die einzigen Angestellten, die auf diesem Kriegsschauplatz ihre Würde und so etwas wie Lebensfreude bewahren, sind die Deutschtürken, die hier arbeiten. Weil sie untereinander solidarisch sind. Weil ihre Familienstrukturen belastbarer und stabiler sind als die der Deutschen, weil sie einen beständigen Freundeskreis haben und das Talent zu kleinen Fluchten.
Sonst arbeiten hier nur Leichen, die den ganzen Tag lächeln müssen, unterwürfig sein, empfehlen, lügen, sich klein machen. Das Möbelhaus ist ein Modell unserer Zeit: ‚Der Kapitalismus frisst sich von innen heraus auf wie ein Tumor, die Leute brechen zusammen. Und die Kunden genauso mit ihrer Kaufsucht.‘ Kaufsucht, Billigsucht, Freudlosigkeit. Die Käufer, also wir, das sind die Schlimmsten. Betrachten die Verkäufer nicht als Menschen, haben permanemnt Angst, betrogen zu werden. Lassen sich stundenlang beraten und kaufen dann im Internet. Kommen mit Preisvergleichslisten an, drücken Preise, wie sie können, nörgeln, reklamieren. Sie sind nie, nie, nie zufrieden. Wenn man einen Deutschen heute tödlich beleidigen wolle, müsse man ihm sagen, ihm nur sagen, dass er für irgendwas zu viel Geld bezahlt habe. Davon erholt er sich nie. Und das gekaufte Produkt, das Möbel, ist für ihn immer mit dem Makel des ‚Übers-Ohr-gehauen-Werdens‘ verbunden. Die Einzigen, die noch wissen, dass Einkaufen Spaß machen kann, sind, so Kisch, Osteuropäer, die frisch in Deutschland angekommen sind. Für die sei Kaufen noch ein Fest. Was koste das? Gut. Gerne. Wird bezahlt. Was für ein herrliches Möbel habe ich dafür bekommen! Konsum als Glück. Dankbarkeit. Das kennt sonst keiner mehr, so Kisch in seinem Tatsachenroman.
Womit wir kurz beim Pseudonym wären: ‚Kisch schreibt Wirklichkeit von sensationellem Rang‘, hat Joseph Roth einmal geschrieben. Da hat er einen anderen Kisch gemeint, Egon Erwin, den rasenden Reporter. Aber es trifft auch diesen hier, den von heute, der sich den Namen nur geliehen hat und sich mit Vornamen Robert nennt. Wirklichkeit von sensationellem Rang. Heißt: Wir wissen das alles. Wir sehen das alles. Wir sind mittendrin, aber manchmal braucht es ein Buch, um klar zu sehen. Den Tumor. Die Unausweichlichkeit. Die Angst und die Einsamkeit. Unsere Zeit. …“