222: Ines Geipel typologisiert die Amokläufer. Sie sind tatsächlich Verlierer.

Die ehemalige DDR-Weltklassesprinterin Ines Geipel, die 2011 für ihre Aufarbeitung des des DDR-Zwangsdopingsystems das Bundesverdienstkreuz erhalten hat, liefert in ihrem Buch „Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens“ eine Typologie der Täter. Dazu hat sie der SZ (28./29.7.12) ein Interview gebeben (Interviewer: Martin Zips). Ines Geipel ist heute Professorin an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“.

Geipel spricht sich für eine minutiöse biografische Aufarbeitung aller Einzelschicksale aus, wie sie im Fall von Anders Breivik ihrer Meinung nach vorbildlich war.

„Die jungen Schützen schreiben sich in einer Art Destruktionsschule fort – sie kennen jedes Detail ihrer Vorgänger. Woran ich diesmal hängen geblieben bin, ist der Fakt, dass James Holmes (der Täter von Aurora/USA) Doktorand der Neurowissenschaften war. Er war sich also offenbar selber auf der Spur. Wie bei den anderen Amokfällen verfügt auch dieser Täter über einen hohen IQ. Er hatte sich intensiv mit dem Fall Breivik befasst und beging seine Tat fast genau ein Jahr nach dem Massaker von Utöja.“

Nach Geipels Meinung geht es den Tätern immer auch darum, die Eltern zu beschämen. Denen gegenüber seien sie aber meistens sprachlos. Allerdings sei das Umfeld häufig ebenfalls sprachlos. Eine Auseinandersetzung über die Probleme komme so nicht zustande.

Der Prolog für die darauf folgenden Amokläufe ist für Ines Geipel der Fall von Martin Bryant, der 1996 in Port Arthur, Tasmanien, 35 Menschen erschossen hat. „Alles, was danach kommt, hat eine neue Dimension. Das Internet wurde für viele Täter zu einer Art abstraktem Vater, Schule und Bühne zugleich. Es gibt ihnen den Raum, ein Ventil zu suchen und sich auf ihre Tat vorzubereiten. Dabei agieren die jungen Täter mit einer Effizienzlogik, die der Managerwelt nicht unähnlich ist. Es ist ja kein Zufall, dass sich der Täter von Winnenden ähnlich kleidet wie die Täter von Columbine, die sich wiederum den 20. April, Hitlers Geburtstag, für ihre Tat ausgesucht hatten. Alle diese Taten sind gut geplant und stehen am Ende einer langen Phase der Sprachlosigkeit, in der eben auch das familiäre Umfeld der Täter etwas Verstörendes hat.“

Geipel ist häufig auf Wohlstandsverwahrlosung gestoßen. Die Konten der Täter waren gefüllt, aber sie fühlten sich in ihren Familien nicht zu Hause. Entweder sie wurden dort kategorisch abgelehnt wie Anders Breivik, oder die Väter arbeiteten sehr viel und waren kaum zu Hause. „In den von mir untersuchten Fällen rächen sich die Jungs für ihren Schmerz, indem sie nicht den Eltern direkt, sondern der Gesellschaft Schmerz zufügen. Sie spüren eine tiefe Unsicherheit ihrer Eltern und entwickeln einen tödlichen Hass auf die Gesellschaft.“

Die Täter fühlen sich nach Geipel nicht nur als Verlierer, sie sind auch welche. Sitzenbleiber, Mobbing-Opfer, Außenseiter. „Kinder ohne Rückhalt in der Familie oder Unterstützung durch Lehrer.“

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