Der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann kritisiert das achtjährige Gymnasium. Er hat Roland Preuss (SZ 30.7.2012) dazu ein Interview gegeben.
SZ: Baden-Württemberg und Bayern experimentieren mit dem neunjährigen Gymnasium, Bayern führt im achtjährigen Gymnasium ein Intensivierungsjahr ein. Erleben wir den schleichenden Abschied vom G 8?
H.: So sieht es aus. Nachvollziehbar ist das aber nicht, weil wir keine neue Lage haben. Nur die Ablehnung von Eltern, Lehrern, aber auch von Schülern nimmt eher noch zu, doch an den Argumenten hat sich nichts geändert. Mit dem jetzigen Aktionismus signalisiert man der Bevölkerung wieder einmal: Die Bildungspolitiker wissen nicht, wohin sie steuern.
SZ: Ist die anhaltende, breite Ablehnung nicht für sich genommen ein Argument?
H.: In einer demokratischen Bildungsgesellschaft ist das immer ein Argument, ja. Doch nun haben wir gerade einmal die ersten Abschlussjahrgänge des achtjährigen Gymnasiums gesehen. Natürlich gibt es auch beim G 8 Anfangsprobleme. Das Projekt war schlecht vorbereitet, es wurde holterdiepolter eingeführt. Kein Wunder, dass es von Anfang an zu Protesten kam.
SZ: Eltern und Schüler sagen nun seit Jahren: Es ist zuviel Stress, zu wenig Zeit für Sport- oder Musikvereine, zu viel Bedarf an Nachhilfe. Ist das so abwegig?
H.: Nein, die Punkte bauen auf realen Beobachtungen auf. Doch dies wurzelt nicht im G 8 an sich, sondern darin, dass mit der Reform der Tagesablauf an den Schulen zu wenig verändert wurde: Man müsste die Ganztagsschule mehr nutzen für einen rhythmisierten Stundenplan, also einen Wechsel zwischen Erholungsphasen und Herausforderungen. Wir brauchen einen neuen Biorhythmus für den Unterricht. So kann man auch Sport, Musik und Hausaufgaben besser in das Gymnasium einbauen. …
SZ: Wie sehen Sie die pädagogischen Folgen – lernen die Schüler mit mehr Stunden im jüngeren Alter besser?
H.: Die lernpsychologischen Argumente für das G 8 waren von Anfang an schwach. …
SZ: Es gibt mittlerweile viele Ansätze, das G 8 zu korrigieren: Stoff streichen, nachmittags mehr unterrichten, langsameren Schülern das G 9 anbieten. Was muss ihrer Meinung nach geschehen?
H.: Die Wahlmöglichkeit zwischen G 8 und G 9 für jedes Gymnasium ist rein pädagogisch gesehen ein sehr kluges Konzept. …
SZ: Das G 8 ging mit weniger Wahlmöglichkeiten einher. Sollten die Schüler sich selbst wieder mehr entlasten können, etwa, indem sie Mathematik ablegen?
H.: Dies hat sich nicht bewährt. Die Länder verlangen zu Recht einen Kanon aus Deutsch, Mathematik, einer Fremdsprache und einer Naturwissenschaft. Ich hoffe, die Länder bleiben dabei, alles andere würde die Schullandschaft weiter zersplittern. Das sollten wir undbeding vermeiden.
Kommentar Scharf: Ich stimme Klaus Hurrelmann unbedingt zu. Und auch die Schwierigkeiten bei der Rückkehr zum G 9 sollten uns nicht daran hindern, Korrekturen vorzunehmen. Die Einführung des G 8 erinnert mich fatal an die Bologna-Reform an den Universitäten mit der flächendeckenden Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen. Sie hat sich nicht bewährt. Die Studenten sind weniger flexibel und mobil und lernen weniger. Wir dürfen nicht auf die Analysen der Politiker vertrauen, die die verfehlten Reformen eingeführt haben, und nicht auf die der Wissenschaftler, die in dem System arbeiten und reüssieren müssen. Die Kritik muss vor allen Dingen von außen kommen. Von uns. Wir lehnen den bildungspolitischen Schnickschnack ab. Bildung bedeutet für jeden Einzelnen stets größere Unabhängigkeit (auch von Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern und Unternehmen). Das braucht jede freie Gesellschaft.