787: Gertrud Kolmars Briefe

Gertrud Kolmar (1894-1943) ist unsere bildkräftige und sehr bedeutende deutsche Lyrikerin im 20. Jahrhundert. Nun sind vollständig ihre Briefe erschienen:

Gertrud Kolmar: Briefe. Herausgegeben von Johanna Woltmann. Göttingen (Wallstein) 2014, 324 S., 24,90 Euro.

Darin bleibt Kolmar, wohl auch wegen der Zensur, privat und vermeidet politisch zu deutende Aussagen. Ausführlich beschäftigt sie sich mit dem „Honiggehalt“ von „braunen Pfefferkuchen“. „Nichts wird direkt touchiert, keine antijüdische Maßnahme erwähnt und keine Schikane beklagt. Es ist eben nur so, dass sie ab 1941 ab vier Uhr früh aufstehen und den ganzen Tag Zwangsarbeit leisten muss. Oder dass sie am Wochenende Gewaltmärsche unternimmt, um Besuche im Westend zu machen, als gäbe es keine öffentlichen Verkehrsmittel. Für Juden gab es sie wirklich nicht mehr, ihre Benutzung war seit dem April 1942 verboten.“ (Wolfgang Schneider, FAZ 3.1.15)

Gertrud Kolmar kümmerte sich um ihren alten Vater, Ludwig Chodwiesner, von dessen Vermögen sie lebte. Der Vater starb 1943 in Theresienstadt. Wenige Wochen später wurde Gertrud Kolmar mit den anderen Berliner „Rüstungsjuden“ nach Auschwitz deportiert uind dort wahrscheinlich gleich nach der Ankunft ermordet.

„Ihre Briefe, die diese überarbeitete Neuausgabe vollständig versammelt, sind ihre bedeutendste autobiografische Hinterlassenschaft. Texte, in denen mehr zwischen den Zeilen verborgen wäre, in denen das Ungesagt größere Schwerkraft entwickeln würde, sind kaum vorstellbar.“

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