194: Johann Gottlieb Fichte, der Philosoph des „deutschen Idealismus“, bleibt politisch umstritten.

Zum 250. Geburtstag Johann Gottlieb Fichtes (1762-1814) sind zwei neue Biographien erschienen, die ausführlich und kundig besprochen worden sind. Allerdings, wie sich denken lässt, nicht gleichartig:

Wilhelm G. Jacobs: Johann Gottlieb Fichte. Eine Biographie. Berlin (Insel) 2012, 251 S., 24,95 Euro

und

Manfred Kühn: Johann Gottlieb Fichte. Ein deutscher Philosoph. München (C.H. Beck) 2012, 682 S., 29,95 Euro.

Fichte, der als der zentrale Philosoph des deutschen Idealismus gilt und der vor allem durch seine „Reden an die deutsche Nation“ (1807/08) besonders bekannt ist, war stets sehr umstritten. Der deutsche philosophische Idealismus in der Nachfolge Immanuel Kants (1724-1804) tritt uns auch in Friedrich Schelling (1775-1854), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1771-1831) und Friedrich Hölderlin (1770-1843) entgegen. Aber auch Frauen wie Caroline Schlegel und Rahel Varnhagen stehen dafür. Eine Zeit lang galt Jena neben Weimar und Berlin als der zentrale Ort, am Anfang der deutschen Romantik. Dort war Fichte Professor bis zum „Atheismus-Streit“ 1799, in dem er entlassen wurde. Es war die Zeit nach der Französischen Revolution und der Eroberungen  Napoleons. Und des Widerstands dagegen. Auch in Preußen. Die Zeit der Salons und einer sich formierenden bürgerlichen Öffentlichkeit.

Fichte, der aus kleinen Verhältnissen in der Oberlausitz stammte und dem von Gönnern das Studium ermöglicht wurde, galt damals als ein Star unter den Professoren. Zeit seines Lebens blieb er ein Einzelgänger, verschlossen, trotzig abgekapselt und dem Alkohol zugetan. Kompromisse waren seine Sache nicht. Lange Zeit war er, wie es seinerzeit üblich war, als Hauslehrer tätig in Zürich, Königsberg und bei Danzig. Ursprünglich ein geradezu jakobinischer Anhänger der Französischen Revolution wandelte er sich später zum Ultranationalisten. Das kam hauptsächlich durch das Blutvergießen in der Revolution, den „Terreur“, die Guillotine und die Hinrichtung Ludwigs XVI. 1794. Fichte endete mit dem Lob der „Deutschheit“, die offenbar eine andere Beschreibung der Gesellschaft verhinderte.

Fichtes akademischer Start mit dem „Versuch einer Kritik aller Offenbarung“ 1792 war trickreich. Die Schrift erschien nämlich in Königsberg und Umgebung mit Namensnennung, im übrigen Deutschland aber anonym. Deswegen wurde sie Immanuel Kant zugeschrieben. Der stellte richtig, dass sie von einem Hauslehrer bei dem Herrn Grafen von Krockow in Krockow (Westpreußen) geschrieben worden war, Johann Gottlieb Fichte. Das machte diesen zu einer Berühmtheit. Doch wurde er in Jena des Atheismus verdächtigt, damals ein schlimmer, nicht wieder gut zu machender Vorwurf, und entlassen. Später bekam er eine Professur in Erlangen und wurde 1810 der erste Rektor der neu gegründeten Berliner Universität.

Fichte verhielt sich häufig taktisch ungeschickt. Wie Jens Bisky (SZ, 19./20.5.12) schreibt, waren Fichtes Schwächen zugleich seine Stärken. „Auf seinen Wegen wie seinen Irrwegen zeigte er Mannesmut, Streitlust, Stolz und Starrsinn.“ Heinrich Heine glaubte, dass Fichte damit auf die Jugend einen „heilsamen Einfluss“ ausgeübt habe. Friedrich Engels betonte, dass die deutschen Sozialisten besonders stolz darauf seien, dass sie auch von „Kant, Fichte und Hegel“ abstammten. Und Kurt Huber, der Münchener Professor und Meinungsführer der „Weißen Rose“, berief sich 1943 vor dem „Volksherichtshof“ auf Johann Gottlieb Fichte.

Fichte hatte insbeondere die Philosophie Kants studiert und daran seinen emphatischen Freiheitsbegriff entwickelt. Er arbeitete eine klare Vorstellung des bürgerlichen Individuums aus. Bei allem kam ein Zug zur Unbedingtheit zum Ausdruck, der einmal als Prinzipientreue verstanden und bis ins 20. Jahrhundert hinein gelobt wurde. Andererseits stieß insbesondere Fichtes Nationalismus gerade nach 1945 auf Bedenken. In seiner Rezension nimmt Jens Bisky diese ernst. Er fragt auch nicht als erster: „War Fichte Antisemit?“ Um zu antworten, dass darauf ein wissenschaftlich geklärte Antwort noch fehle. Die umfangreiche Biographie von Manfed Kühn arbeite hier unerlaubter Weise mit Insinuationen.

Das sieht Micha Brumlik (Literarische Welt, 19.5.12) anders. Er zitiert aus Fichtes jakobinischer Schrift „Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution“: „Fast durch alle Länder von Europa verbreitet sich ein mächtiger, feindlich gesinnter Staat, der mit allen übrigen im beständigen Kriege steht, und der in manchen fürchterlich schwer auf die Bürger drückt: das Judentum.“ So könnte es sein, dass der deutsche Idealismus und Nationalismus und die deutsche Romantik von vornherein mit antisemitischen Beigaben belastet waren. Das war ein schweres Erbe im 20. Jahrhundert. Für Micha Brumlik arbeitet die Biographie von Manfred Kühn den politischen Denker Johann Gottlieb Fichte sehr gut heraus, während Wilhelm G. Jakobs auf den eigenwilligen Charakter und den „heiklen Ehemann“ abstelle.

Für uns sind die „Reden an die deutsche Nation“ (1807/08) und der „Geschlossene Handelsstaat“ (1800), in dem es auch um die „innere Sicherheit“ geht, heute noch von Belang. Möglicherweise gerade um zu erkennen, wie gefährlich es sein kann, die eigene Gruppe, die eigene Religion, die eigene Nation zu loben und zu erhöhen, wenn es auf Kosten anderer geschieht.

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