192: Paul Krugman rät uns zum Schuldenmachen.

Die „Literarische Welt“, die Samstagsbeilage der „Welt“ (von Willy Haas einst 1925 begründet), macht sich nicht zum ersten Mal außerhalb des Felds der Literatur verdient (12.5.12). Mit dem Abdruck eines Aufsatzes des Nobelpreisträgers für Wirtschaftswissenschaften Paul Krugman (USA) („Jetzt nicht kleckern …“). Er ist der Star der zeitgenössischen Wirtschaftswissenschaften in den USA und berät auch Präsident Obama. Sein Aufsatz beruht auf seinem neuen Buch, das in der kommenden Woche in Deutschland erscheint:

Paul Krugman: Vergesst die Krise! Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Frankfurt/Main 2012, 300 Seiten, 24,99 Euro.

Darin rät er uns (speziell den Europäern) zum Schuldenmachen. Sein Ausgangspunkt ist, dass die Krise von 2008 noch nicht überwunden sei. Weder gäbe es das erforderliche Wachstum noch gingen die Arbeitslosenzahlen zurück. „Die Krise reicht zwar nicht an die Weltwirtschaftskrise heran – oder tut das zumindest nur für wenige Menschen (etwa in Griechenland, Irland oder Spanien mit seinen 23 Prozent Arbeitslosigkeit und fast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit). Trotzdem ist die Situation im Grunde dieselbe, die John Maynard Keynes in den 1930er Jahren beschrieb: ‚Ein chronischer Zustand subnormaler Aktivität, der eine beträchtliche Zeit andauert, ohne eindeutig in Richtung Erholung oder vollständigen Zusammenbruch zu tendieren.'“

Dank der Analysen von Keynes und einigen Zeitgenossen in den Wirtschaftswissenschaften wüssten wir heute, welche Maßnahmen die Politik damals hätte ergreifen müssen. „Und diese Analysen sagen uns auch, was wir in der heutigen Krise tun müssen.“ Leider sei die entscheidende Erkenntnis von Keynes wohl weithin in Vergessenheit geraten: „Der Aufschwung, nicht der Abschwung, ist der richtige Zeitpunkt für Sparmaßnahmen.“ Neuerdings würden arbeitsplatzvernichtende Sparprogramme als der Weisheit letzter Schluss gelten. Das sei grundfalsch. Und diese Fehler seien wirklich nicht nötig. Krugman hält es für möglich, dass die USA und Europa bei entsprechender Wirtschaftspolitik binnen zwei Jahren zur Vollbeschäftigung zurückkehren könnten.

„In meinem Buch behaupte ich unter anderem, dass in einer Wirtschaftskrise, in der die Leitzinsen nahe null stehen, staatliche Investitionen gefordert sind. Staatliche Investitionen beendeten die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre, und etwas Ähnliches ist auch heute wieder dringend erforderlich.“ Der Internationale Währungsfonds habe zwischen 1978 und 2009 173 Fälle von Haushaltskürzungen in Industrienationen ausgewertet. Dabei sei man zu dem Schluss gekommen, „dass Sparmaßnahmen unweigerlich zu einer Schrumpfung der Wirtschaft und einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führten“. Ähnliche Befunde gäbe es noch weit mehr.

Krugman bezieht sich auf seine Kollegin Christina Romer und ihre These: „Es gibt mehr Beweise denn je, dass die Haushaltspolitik eine entscheidende Rolle spielt und dass Konjunkturprogramme zur Schaffung von Arbeitsplätzen beitragen, während Sparmaßnahmen das Wachstum zumindest kurzfristig beeinträchtigen. Aber diese Beweise scheinen noch nicht zu den Gesetzgebern vorgedrungen zu sein.“

Dass die europäische Krise auf der Anhäufung von Haushaltsdefiziten beruhe, hält Krugman für eine „Mär“. Das gälte nur für Griechenland. Aber die „Hellenisierung“ der europäischen Debatte sei irreführend. „Irland hatte dagegen vor der Krise einen Haushaltsüberschuss und eine niedrige Staatsverschuldung.“ Die Haushaltskrise in Südeuropa „ist weitgehend eine Folge der geplatzten Immobilienblase und der überhöhten Kosten“.

Krugman fragt sich, ob die Europäer nicht besser beraten wären, einen Schritt zurück zu machen und zu den Landeswährungen zurückzukehren. Seine sibyllinische Antwort: „Nicht unbedingt.“ Neben den juristischen Problemen, die es dabei gäbe, müsste jedes Land, das aus dem Euro ausschere, befürchten, dass es einen Run auf die Banken gäbe, weil Anleger natürlich nach sicheren Anlagemöglichkeiten suchen würden. Weltweit.

Und dann sagt Krugman noch etwas, das in meinen Augen stärker betont werden müsste: „Eine Abkehr vom Euro wäre außerdem ein dramatischer politischer Rückschlag für das Projekt der europäischen Einigung und Demokratisierung durch wirtschaftliche Integration – ein Projekt, das nicht nur für Europa von Bedeutung ist, sondern für die ganze Welt.“

Krugman schlägt vor, dass die Europäische Zentralbank Staatsanleihen der Eurostaaten aufkaufen soll. Länder wie Deutschland müssten eine starke Nachfrage nach Gütern aus dem europäischen Ausland entwickeln. „Es ist also eine expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank nötig sowie ein Konjunkturprogramm für Deutschland und einige kleinere Länder.“

Das ist Wasser auf die Mühlen von Francois Hollande und ein Widerspruch zu Angela Merkels Konsolidierungspolitik. Später können wir nicht so tun, als sei es uns nicht gesagt worden.

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