Wolfgang Beltracchi ist ein meisterhafter Kunstfälscher. Er stand im Mittelpunkt des zentralen Kunstfälscher-Skandals, in dem sich herausstellte, dass vorher angesehene Kunstexperten wie Werner Spies sich hatten täuschen lassen und eventuell dabei noch verdient haben. Beltracchi hat seine Gefängnisstrafe bald abgesessen. Im Fernsehen moderiert er
ab 6.12.14 um 22.05 Uhr auf 3Sat die Serie „Der Meisterfälscher“, in der er Gäste porträtiert.
Einer der Porträtierten (Sendung am 23.12.14 um 22.35 Uhr) ist der österreichische Schriftsteller Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“). Mit ihm hat Volker Weidermann ein gewichtiges Interview (FAS 30.11.14) geführt.
FAS: Der Maler und Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi hat sie portätiert. Wie ist es dazu gekommen?
Kehlmann: Er hat mich in seine Fernsehsendung „Der Meisterfälscher“ eingeladen, in der Gäste von ihm porträtiert werden. Ich lehne die meisten Angebote, ins Fernsehen zu kommen, ab, aber in diesem Fall habe ich sofort zugesagt. Natürlich wollte ich Beltracchi unbedingt kennenlernen, immerhin hatte ich gerade einen Roman veröffentlicht, in dem ein Kunstfälscher eine der Hauptpersonen ist. Und ich glaube, dass war auch wiederum einer der Gründe, warum er mich ausgewählt hat.
FAS: Wie war die Begegnung mit dem Mann, der die Kunstwelt fast zum Einsturz gebracht hätte? Wie war es, von ihm gemalt zu werden?
Kehlmann: Beltracchi ist ein faszinierender Mann: hochintelligent und extrem sensitiv. Er durchschaut Menschen sofort, und er ruht in sich, wie ich das noch bei wenigen Leuten erlebt habe. Zu Beginn war ich noch vorsichtig, aber bald haben wir uns sehr gut verstanden, und ich fühlte mich ganz sicher und entspannt in seiner Gegenwart. Von ihm gemalt zu werden, das hat vor allem dafür gesorgt, einige meiner Vorurteile zu erschüttern. Auch ich hatte bis dahin gemeint, ein Fälscher könne keine richtiger Künstler sein. Aber wer Beltracchi aus der Nähe bei der Arbeit erlebt, mit all der Hingabe und scharfen Aufmerksamkeit, all den Einfällen und der Liebe zu den kleinsten Details, gar nicht zu reden von seinem unglaublichen Können, der fragt sich irgendwann: Wenn dieser Mann kein echter Künstler ist, wer bitte soll dann ein echter Künstler sein?
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FAS: Schätzen Sie Beltracchi als Maler? Als Künstler? Als Kunsthandwerker? Besitzen Sie noch mehr Werke von ihm?
Kehlmann: Leider nur dieses eine. Es war das Honorar für die Teilnahme an der Sendung. Oh ja, ich schätze Beltracchi als Künstler. Als einen sehr ungewöhnlichen Künstler allerdings, denn er hat sich früh für die Anonymität des Imitierens entschieden – aber vergessen wir nicht, die Preise für Campendonk sind unter anderem deshalb so gestiegen, weil Beltracchis Campendonks besser waren als die meisten Bilder von Campendonk selbst. Er ist wirlich ein Mann von genialischer Begabung und Intelligenz. Und was die moralische Seite angeht: Beltracchi wurde zu einer höheren Gefängnisstrafe verurteilt als irgendein Kunstfälscher in der Geschichte. Diese Strafe wird er in wenigen Monaten abgebüßt haben. Wem das nicht genügt, der ist auf Rache aus, nicht auf Gerechtigkeit.