Indien gilt vielen Analytikern unter den Schwellenländern als das demokratischste, offenste, sanfteste, viel akzeptabler als China beispielsweise, führend in der IT-Technik. Von diesen Illusionen gilt es wohl Abschied zu nehmen. Denn die indische Schriftstellerin Arundhati Roy („Der Gott der kleinen Dinge“, 1997), die dafür bekannt ist, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und auch mit dem „Westen“ scharf ins Gericht zu gehen, kritisiert den Mahatma Gandhi-Mythos und die gesellschaftlichen Machtverhältnisse in Indien hart. Steffen Gassel hat sie für den „stern“ interviewt (Nr. 40, 25.9.14).
Stern: Nahost, Ukraine, Irak: Man möchte kaum noch den Fernseher anschalten, so übermächtig ist die Flut immer neuer Bilder von Grausamkeit und Tod. Und Sie attackieren ausgerechnet Mahatma Gandhi, das globale Idol der Gewaltlosigkeit. Muss das sein?
Roy: Ja! Denn was uns über Gandhi gelehrt worden ist, ist eine Lüge. Die Leute sollten endlich begreifen, wer er wirklich war.
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Stern: Was genau hat sie so verstört?
Roy: Gandhi war nicht der Held der Gewaltlosigkeit, für den ihn alle Welt hält. Im Gegenteil. Er war ein bedingungsloser Verfechter einer der widerwärtigsten, gewalttätigsten Gesellschaftsformen der Welt: der indischen Kastenordnung, eines Systems, schlimmer als die Apartheid. Es verdammt bis heute Millionen Menschen dazu, die Scheiße der anderen wegzuputzen. Es legt fest, wer eine Ausbildung bekommen oder Land besitzen darf – und wer das Land anderer bearbeiten und sich zum Lohn mit den Abfällen der Besitzer zufrieden geben muss. All das geschieht im Namen der Religion, des Hinduismus. Und Gandhi fand das richtig. Seine Doktrin der Gewaltlosigkeit fußt auf einem System ungeheuerlicher Gewalt.
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Stern: Der sanfte Asket mit Nickelbrille und Lendentuch: Ein Reaktionär? Ein Rassist?
Roy: Wenn ich diese Frage mit Ja beantworten würde, würde ich verhaftet.
Stern: Wie bitte?
Roy: Das meine ich ganz ernst. Gegen mich läuft bereits eine polizeiliche Ermittlung, nur weil ich es gewagt habe, während einer Vorlesung an der Universität von Kerala unangenehme Passagen aus Gandhis Schriften zu zitieren. Gandhi ist Indiens wichtigster Export. Wer hierzulande an Gandhis Status rüttelt, riskiert eine Menge.
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Stern: Die Dinge, die Sie aufzählen, passen nicht ins gängige Bild Gandhis. Aber warum soll es riskant sein, all das zu sagen? Sie leben ja nicht in einer Diktatur oder in einem Gottesstaat, sondern in Neu-Delhi, der Hauptstadt der größten Demokratie der Welt.
Roy: Indien nennt sich eine Demokratie. Für die meisten seiner Bürger ist es ein Polizeistaat.
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Stern: Vergewaltigung als normaler Teil der Alltagskultur?
Roy: Bei uns sind Vergewaltigungen ein Herrschaftsinstrument.
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Stern: Ist das Land Gandhis, das Land der Bollywood-Romanzen und Hightech-Start-ups, wirklich so erbarmuingslos?
Roy: Indien ist ein Land voller Anmut und Schönheit. Doch das darf nicht darüber hinwegtäuschen: Wir leben in einer extrem gewalttätigen Gesellschaft. Und die Brutalität nimmt in dem Maße zu, in dem mehr und mehr Menschen an den Rand gefrängt werden. Auch wenn die Hippies aus dem Westen, die immer noch in Scharen auf der Suche nach dem Nirvana zu uns kommen, das nicht wahrhaben wollen. Der Preis für das indische Wirtschaftswunder ist viel zu hoch. Und die, denen es gut geht, verschließen einfach die Augen vor dem Horror, in dem ihre Mitbürger leben müssen. Indien ist ein schändliches Land.
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