644: Iring Fetscher gestorben

Obwohl ich ihm persönlich nie begegnet bin, war er mein Lehrer in „Marxismus“: Iring Fetscher. Er ist im Alter von 92 Jahren in Frankfurt am Main gestorben.

Der von ihm 1967 herausgegebene Band

„Der Marxismus. Seine Geschichte in Dokumenten.“ (878 S.)

war eine gute Grundlage für ein ernsthaftes Studium des Marxismus, der seinerzeit in Mode war. Und stets davon gekennzeichnet, dass viele seiner angeblichen Anhänger davon so ziemlich keine Ahnung hatten. Das konnte einem nicht passieren, wenn man sich auf die von Fetscher beigebrachten Quellen stützte. Dort wurde ein weites Feld von der Religionskritik über die Erkenntnistheorie und Geschichtsphilosophie bis hin zur Ökonomie beackert. Immer kamen darin vor die Unvermeidlichen

Georg Wilhelm Friedrich Hegel,

Karl Marx,

Friedrich Engels und

W.I. Lenin.

Aber auch Außenseiter und Abweichler fanden ihren Platz wie

Karl Korsch, Max Adler, Georgi W. Plechanow, Anton Pannekoek, Nikolai Bucharin oder Otto Bauer. Der klügste Abweichler ist für mich

Eduard Bernstein.

Bei Fetscher hatten auch Marximus-Kritiker wie Eugen Böhm-Bawerk ihren Platz. Insofern lieferte uns Iring Fetscher die Voraussetzungen für eine Kritik des Marxismus. Das führte dazu, dass man ihn so gut kennenlernte, dass an einigen Stellen auch heute noch seine Erklärungskraft vorscheint.

Fetscher hatte in Tübingen und an der Sorbonne studiert und über Hegel promoviert. 1963 wurde er statt des von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno von dort ferngehaltenen Golo Mann Professor für Politologie in Frankfurt/Main. Mit Herfried Münkler hat er die fünf Bände des „Handbuchs der politischen Ideen“ herausgegeben. Iring Fetscher arbeitete aber auch über Märchen („Wer hat Dornröschen wachgeküsst?“ 1972). Nach seiner Emeritierung hat Fetscher sich noch mit der Tatsache auseinandergesetzt, dass er als junger Soldat halbbewusst Mitglied der NSDAP geworden war (Willi Winkler, SZ 21.7.14).

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