Erhard Eppler (87) als „Putin-Versteher“ und Wladimir Kaminer (46) als „Putin-Verächter“ streiten über Russland. Dazu haben Detlef Esslinger und Stefan Ulrich sie gemeinsam für die SZ (12./13.7.14) interviewt. Eppler leitete bis 1993 die SPD-Grundwertekommission. Kaminer ist durch „Russendisko“ und „Onkel Wanja kommt“ bekannt geworden.
SZ: Herr Kaminer, was bewegt Sie, wenn Sie an Russland denken?
Kaminer: Eine große Enttäuschung. Ich lebe seit 23 Jahren in Deutschland und reise viel durch die Welt. All die Zeit versuchte ich zu erklären, dass Russland über kurz oder lang ein europäisches Land wird; dass Russen und Europäer dieselben Werte teilen; dass Russen nicht homophob sind, sondern sich mit Schwulen bloß noch nicht auskennen. Nun aber wird von höchster Stelle mitgeteilt: Diese europäische Zukunft wird’s nicht geben.
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Eppler: Mein Ansatz ist völlig anders. Es gibt die Ukraine als souveränen Staat erst seit 25 Jahren. Es gibt dort keine eingespielte politische Kultur. Das Land ist gespalten zwischen Orthodoxie und Katholizismus, lateinischer und kyrillischer Schrift. Mir war immer klar, dass eine von Hass gegen Russland erfüllte Regierung in Kiew im Osten des Landes nie akzeptiert würde.
Kaminer: Sie reden an der Sache vorbei. Das ukrainische Volk hat damit begonnen, sich selbst zu regieren. Auch wenn jemand unterstellt, die Ukraine habe es als Nation nie gegeben – so gibt es sie jedenfalls jetzt. Demokratie bedeutet, dass das Volk seinen Staat regieren kann, wenn es das will. Die Russen wollen das in ihrem Land nicht. Sie überlassen das Regieren Putin. Dafür erwarten sie Sicherheit und gute Renten.
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Kaminer: Das politische Verhalten der Russen erklärt sich leicht. Viele haben in der Küche einen Kühlschrank und darauf den Fernsehapparat. Davor sitzen sie. Kühlschrank und Fernseher, das sind Brot und Spiele. Mit dem Fernsehen läuft alles prima für Putin. Mit dem Kühlschrank nicht. Die Wirtschaftskrise hat jetzt auch Russland erreicht. Die Dollars sind weg. Die Panzer aber sind da. Also lässt Putin sie an die Grenze fahren, um die Krise zu übertönen.
Eppler: Ich wundere mich über die Karikatur des Volkes, dem Sie entstammen. Außerdem, wenn das mit der Krise stimmt, müsste Putin erst recht Interesse an Verhandlungen mit dem Westen haben.
Kaminer: Nein. Um die Krise zu erklären, braucht er einen Feind, den er als Verursacher hinbstellen kann. Wer bietet sich an? Der Westen natürlich. Deswegen vermittelt Putin den Russen ein neues Weltbild: Danach bekommen Faschisten in der Ukraine von Faschisten aus Europa Hilfe. … Damit lässt sich kurzzeitig der leere Kühlschrank vergessen machen.
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Eppler: … Die Spirale aus Isolation und autoritärer Regierung müssen wir durchbrechen. Das geht nur, indem die Europäer – notfalls ohne Erlaubnis der USA – mit Russland ein gesamteuropäisches Sicherheitssystem aufbauen, in der auch die NATO ihren Platz hätte.
Kaminer: Na, dann herzlichen Glückwunsch an Herr Putin! Das entspräche seinem Plan, einen Keil zwischen Europäer und Amerikaner zu treiben. Spalten und anti-amerikanische Gefühle wecken – das kann der russische Teufel am besten.
SZ: Warum haben so viele Deutsche mehr Verständnis für die Russen als Amerikaner, Franzosen oder Engländer?
Kaminer: Zwischen Deutschen und Russen besteht eine Hassliebe. Russland ist ein deutscher Traum. Darin sehen die Deutschen etwas, das hierzulande fehlt: das Wilde, das Unberührte. Sibirien ist eine deutsche Seelenlandschaft.
W.S.: Eppler und Kaminer arbeiten die Unterschiede gut heraus. Und Kaminer hat recht. Auf keinen Fall darf Europa sich von den USA trennen lassen. Wir dürfen uns nicht nach Gazprom richten. Und nicht nach Gerhard Schröder. Der soll seine Geburtstage in St. Petersburg ohne uns feiern. Meine Solidarität gehört Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, der Slowakei, Rumänien und Bulgarien. Und die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens gehören auch zu Europa. Ich kann nicht warten, bis Erhard Eppler die Ukraine als Staat anerkennt.