Im Alter von 82 Jahren ist in Bielefeld überraschend Hans-Ulrich Wehler gestorben (Gustav Seibt, SZ 8.7.14; Willi Winkler, SZ 9.7.14). Er war der Begründer und Spiritus Rector der „Strukturgeschichte“ in Deutschland. Dabei werden die Wirtschaftsweise, soziale Ungleichheit, Herrschaftsformen und Kultur in die historische Analyse einbezogen. Methodisch geht es auch um die Verwendung sozialwissenschaftlicher Verfahren. Wehler war bis zum Schluss außerordentlich aktiv und zum Diskurs bereit. Manche würden sagen; streitsüchtig. Sein Hauptwerk ist die große, fünfbändige „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ (1987-2008). Sein letztes zentrales Thema, das Wehler geradezu leidenschaftlich verfolgte, war die große soziale Ungleichheit in unserem Lande. Wehlers Vorbild in der wissenschaftlichen Arbeit blieb Max Weber. Für einen Linken immerhin bemerkenswert.
An den Diskursen etwa über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs oder am „Historikerstreit“ hat er sich leidenschaftlich beteiligt (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. 2. Aufl. Hamburg 2009). Bei Wehler war ein kühler Ton der Sachlichkeit vorherrschend. Er war und blieb Sozialdemokrat. Wie seine Mitstreiter Jürgen Habermas und Heinrich August Winkler bekannte er sich vorbehaltlos zu der Öffnung zur politischen Kultur des Westens. Er focht gegen die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union (EU). Die Sozialphilosophie von
Norbert Bolz
bezeichnete er kurzerhand als „Geschwätz“. Einen Star der zeitgenössischen Sozialwissenschaften bekämpfte Wehler entschlossen, den 1984 gestorbenen
Michel Foucault.
Ihm warf er begriffliche Konfusion und empirische Unzulänglichkeit vor. Den Machtbegriff von Foucault bezeichnete Hans-Ulrich Wehler als „zum Verzweifeln undifferenziert“. Insofern wird er uns noch fehlen.