617: Silvio Gesell (1862-1930) und die Freiwirtschaftslehre

Es ist verständlich, dass in Zeiten niedrigen Zinses die Lehren des Autodidakten und Kaufmanns Silvio Gesell (1862-1930) wieder in den Blick geraten. Seine Lehre von der Freiwirtschaft findet heute noch Beachtung, war aber z.B. auch unter Nazis verbreitet (Christian Siebenbiedel, FAS 29.6.14).

Gesell stammte aus dem Teil der Eifel, der damals preußisch war, heute belgisch ist. Weil ein Studium nicht zu finanzieren war, wurde Gesell Kaufmann in Berlin. Später in der Schweiz, wo er auch als Bauer und Bienenzüchter arbeitete, und in Argentinien, wo er es als Importeur zu einigem Wohlstand brachte. Aber nur bis zur Wirtschaftskrise 1890. 1919 war Gesell Finanzminister der Räterepublik in München, aber nur ein paar Tage. In einem Hochverratsprozess wurde er freigesprochen. Erich Mühsam prophezeite in seinem Nachruf 1930, dass die Welt Silvio Gesell noch einmal stärker folgen würde, als es seinerzeit schon möglich war. Silvio Gesell beruft sich in seiner Lehre auf Max Stirner und Friedrich Nietzsche.

Gesell unterscheidet zwei Funktionen des Geldes, die als

Tauschmittel

und die als

Hortungsmittel.

Horten von Geld ist nach Gesell von Übel, weil damit der Gesellschaft Finanzierungsmöglichkeiten und Wachstum entzogen würden. Silvio Gesell schlug vor, Bargeld zu erfinden, das im Lauf der Zeit an Wert verliert. Dysfunktional war nach Gesell vor allem der Zins. Er führe zu falscher Vermögensverteilung. Dies behauptet gegenwärtig ja auch der französische Star-Ökonom Thomas Piketty. Bei Silvio Gesell sollten Banknoten ein Verfallsdatum bekommen und regelmäßig einen Teil ihres Nennwerts verlieren. Diese Lehre verfocht Gesell, der auch sehr viele kleine Broschüren zu seinen Themen veröffentlichte, in seinem Hauptwerk

„Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ 1916.

Zur Begründung seiner Theorie bezog sich Silvio Gesell auf die „Natur“, in der zwar die Bienen und die Hamster sparten, wo von Zinsen aber weit und breit nichts zu sehen sei.

Nach Gesells Tod 1930, der auch in verschiedenen Kommunen bei Berlin gelebt hatte, brachte John Maynard Keynes, der große Ökonom, seine Erwartung zum Ausdruck, dass die Ökonomen mehr von Gesell als von Marx lernen würden. Mit der These von der „Brechung der Zinsknechtschaft“ beriefen sich viele Nazis auf Silvio Gesell. Ihre Kritik am Zins war antisemitisch.

Wenn der marxistische Ökonom Elmar Altvater die Lehre von Silvio Gesell als „strukturell antisemitisch“ beschreibt, so ist das nicht ganz von der Hand zu weisen, aber stark zugespitzt. Antisemitische Passagen gibt es bei Gesell nur in frühen Schriften.

In zwei Punkten verdient Silvio Gesell Kritik:

1. Seine Bezugnahme auf die „Natur“ ist inhaltsleer bzw. beliebig; denn unter Berufung auf die „Natur“ kann quasi alles begründet und gerechtfertrigt werden. Die menschliche Gesellschaft ist aber „Kultur“, beruht also auf menschlichen Vereinbarungen.

2. Gesell verkennt die Produktivität des Kapitalismus, zu der auch Zinsen und Zinseszinsen beitragen, was Karl Marx durchaus anerkannt hatte. Wir dürfen den Kapitalismus nur nicht frei laufen lassen. Dann gäbe es z.B. keine Finanztransaktionssteuer. Der Kapitalismus muss sozialstaatlich gebändigt werden („Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“ Art. 20, 1 GG).

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