Seit der „Deutschstunde“ (1968) genießt Siegfried Lenz literarischen Weltruhm. Seine Hauptfigur Max Ludwig Nansen ist ein Maler in Nordfriesland. Er ist Emil Nolde nachgebildet. Wir wissen seit langem, dass Nolde ein Antisemit und glühender Nazi war (Ulrich Greiner. Die Zeit, 30.4.14). Seine Bilder wurden von den Nationalsozialisten trotzdem als „entartet“ eingestuft. Sie durften nicht ausgestellt und verkauft werden. Ganz unstrittig ist es, dass Noldes Malerei singuläre künstlerische Größe hat. Siegfried Lenz hat die braune Seite von Nolde gekannt. In Nordfriesland war sie nie ein Geheimnis. Lenz hat kürzlich im Literaturarchiv in Marbach Emil Nolde sogar dafür kritisiert, dass er sich nie für seine Kollaboration entschuldigt hat. Er hatte lieber an einer Widerstandslegende gestrickt, die völlig unglaubwürdig ist.
Da erscheint es lächerlich, dass Jochen Hieber (FAZ 26.4.14) der Meinung ist, die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der „Deutschstunde“ müsse „umgeschrieben“ werden. Denn die zentrale Figur des Romans, Max Ludwig Nansen, ist ja nicht abhandengekommen. Sie ist nur nicht identisch mit Emil Nolde. Siegfried Lenz ging es darum, am Beispiel des Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen, der Nansen überwacht, jene „autoritäre Persönlichkeit“ zu zeigen, die Theodor W. Adorno und andere 1950 analysiert hatten. Siggi Jepsen, der uns die Geschichte im Roman erzählt, ist der Sohn jenes Dorfpolizisten. Seine Eltern sind realistische und grauenerregende Gestalten, die von Siegfried Lenz meisterhaft gestaltet sind.
„Ansonsten bleibt es dabei, dass die ‚Deutschstunde‘ zu den bedeutendsten Romanen der deutschen Literatur gehört.“
Und Emil Nolde, dieser große und berühmte Maler, der außerdem Nazi war, ist heute glücklicherweise wieder weithin präsent. Unter anderem in der Dependance Berlin (Jägerstraße 55, 10117 Berlin, www.nolde-stiftung.de).