Avi Primor war von 1993 bis 1997 israelischer Botschafter in Deutschland. Der 1935 in Tel Aviv geborene Berufsdiplomat war vorher Botschafter bei der EU. Heute ist er Vorsitzender der Israelischen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Er gilt als Gesicht des Staates Israel in Deutschland und bekanntester Förderer des deutsch-israelischen Dialogs. Regelmäßig kommt er in der SZ als Gastkommentator zu Wort, der sich durch Vernunft und Augenmaß auszeichnet. Nach mehreren Sachbüchern veröffentlicht Avi Primor jetzt seinen ersten Roman
„Süß und ehrenvoll“. Köln (Quadriga), 384 S., 19,99 Euro.
Darin geht es um zwei Juden, die auf der französischen und der deutschen Seite im Ersten Weltkrieg gegeneinander kämpfen. Sven Felix Kellerhof Hat Primor in der „Literarischen Welt“ (LW) interviewt (25.1.14).
LW: Warum ein Roman über jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg?
Primor: Weil es das erste und auch einzige Mal in der Weltgeschichte war, dass Juden einander in größerer Zahl auf feindlichen Seiten gegenüberstanden, aufeinander geschossen haben. Gewiss, einzelne jüdische Soldaten mag es vorher gegeben haben, aber 1914 bis 1918 sind Juden in Deutschland und Frankreich geradezu begeistert in den Krieg gezogen, um für ihre Nation ihr Leben zu riskieren und oft auch zu opfern. Das hat mich interessiert.
LW: Sind die deutsch-israelischen Beziehungen so gut, dass Sie Zeit hatten, sich einem historischen Roman zu widmen – oder im Gegenteil so schlecht, dass Ihnen außer Fiktion dazu nichts mehr einfällt?
Primor: Die deutsch israelischen Beziehungen sind hervorragend und für Israel geradezu unentbehrlich. Aber für die Zukunft bin ich nicht zuversichtlich, denn die Stimmung wandelt sich. Nicht unbedingt gegen den Staat Israel oder das israelische Volk, aber gegen die israelische Politik. Wenn wir Tacheles reden: Die Beziehungen mit der Regierung und vielen Institutionen sind gut, aber das gilt immer weniger für die deutsche Bevölkerung.
…
LW: Dier Situation der deutschen und der französischen Juden ist also sehr unterschiedlich vor dem ersten Weltkrieg?
Primor: Ja, ganz gewiss. Das gegenüberzustellen war mir ganz wichtig.
LW: Ihre beiden Protagonisten begegnen einander zweimal. Beim ersten Mal während des berühmten „Weihnachtsfriedens“ 1914, stellen sie fest, dass sie beide Juden sind. Man kann diese Episode so lesen, als hätten Juden untereinander eine besondere Beziehung. Wollen Sie das andeuten?
Primor: Nein. Aber man muss diese Ebene mitbetrachten. Da sind zwei junge Männer, die am Heiligen Abend keine Gebete sprechen, während alle anderen um sie herum beten. Sie sind überrascht, aber Ludwig fällt nicht sofort ein, dass sein gegenüber ebenfalls Jude sein könnte. Er ist gar nicht darauf gekommen, dass Juden auch auf der anderen Seite kämpfen könnten.
LW: Bei diesem Treffen im Niemandsland verspricht Ludwig seinem Gegenüber Louis, er werde ihn besuchen kommen, „wenn wir Frankreich besetzt haben“, und der junge Franzose antwortet: „Um meine Heimat zu besuchen, brauchst du keinen Krieg.“
Primor: Das ist in der Tat eine Schlüsselszene. Ich habe in dem Jahr, in dem ich für das Buch geforscht habe, nach einer Stimme gesucht, die etwas zum Kampf von Juden gegen Juden sagt. Es gibt keine solche Stimme; nicht bei Rabbinern, nicht bei Schriftstellern, nirgends.
LW: Genauso wenig wie bei Christen.
Primor: Eben!
LW: Das wichtigste Ereignis, um das ihr Roman kreist, ist die berüchtigte „Judenzählung“, die das preußische Kriegsministerium 1916 angeordnet hat. Sie lassen mehrere jüdische Nebenfiguren unterschiedliche Deutungen besprechen. Konnten Sie sich nicht entscheiden, wie Sie den Fall interpretieren sollten?
Primor: Das ist schwierig. Denn die Judenzählung ist ja von den Antisemiten tatsächlich benutz worden, um Stimmung gegen die Juden zu machen, weil die Regierung die Ergebnisse nicht veröffentlicht hat. Andererseits hat es besonders demütigende Untersuchungen von Frontsoldaten in Lazaretten, wie ich sie beschreibe, eben nicht besonders oft gegeben, und sie sind rasch unterbunden worden. Also, die Frage ist für mich offen, und das will ich auch dem Leser zeigen.
…
LW: In der letzten Szene des Romans sagt eine jüdische Bekannte von Karoline und Ludwig im Dezember 1918: „Es wird nie wieder einen Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Deutschen geben, wir sind ein Volk und haben ein Vaterland.“ Mit dem Wissen um den Holocaust eine besonders bittere Bemerkung …
Primor: Karoline und ihre jüdische Bekannte sind der Überzeugung, nun sei das Ziel der Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft erreicht. Aber die Leser wissen natürlich, dass es nicht so war – im Gegensatz zu den Menschen 1918. Selbstverständlich ist das bitter. Das Ende meines Romans ist ganz bewusst ein falsches Happy End.
Kommentar W.S.: Ich wünsche dem Roman sehr viele Leser.