Wikipedia steht in dem Ruf, unabhängig und objektiv zu informieren. Wir fragen uns, ob hier nicht auch PR-Agenten (PR = Public Relations) beteiligt sind, die ohnehin im Interesse ihrer Auftraggeber versuchen, die gesamte gesellschaftliche Kommunikation zu beeinflussen. Wir dürfen annehmen, dass in Berlin weit mehr PR-Leute und Lobbyisten tätig sind als Journalisten. Und siehe da: wir stoßen auf „Paid Editors“, die das schmutzige Geschäft der verdeckten Werbung betreiben. Der Journalist Marvin Oppong hat das Feld untersucht. Seine Studie wird bald von der Otto-Brenner-Stiftung zur Wissenschaftsförderung veröffentlicht. Bernd Graff hat ihn für die SZ interviewt (13.1.14).
SZ: Sie haben sich mit den dunkleren Seiten von Wikipedia beschäftigt: mit PR und Geschichtsklitterung, mit geschönter Darstellung, Halbwahrheiten und der Tilgung von Passagen, die jemandem unliebsam erscheinen.
Oppong: Es gibt professionelle Trittbrettfahrer. Sie werden von Unternehmen dafür bezahlt, sich den Erfolg von Wikipedia zunutze zu machen und PR im Sinne ihrer Auftraggeber dort unterzubringen. Ihr Auftrag lautet, die Kunden auf dieser bedeutenden Plattform für mutmaßlich objektives Wissen in möglichst positivem Licht erscheinen zu lassen.
SZ: Sind diese Fälle so häufig, dass man sich ernsthaft darum kümmern muss?
Oppong: Es sind jedenfalls keine Randphänomene. Wikipedia-Artikel werden immer wieder manipuliert. Mit der Software Wiki-Scanner lässt sich beispielsweise ermitteln, dass Artikel über Unternehmen von Computern mit IP-Adressen eben dieser Unternehmen verändert wurden. Das kommt nicht selten vor.
SZ: Können Sie Beispiele nennen?
Oppong: Ich habe herausgefunden, dass von einer IP-Adresse, die Daimler gehörte, in den Jahren 2005 und 2006 vierundzwanzig Änderungen am Wikipedia-Eintrag der Daimler AG vorgenommen und dabei Passagen gelöscht wurden. Darin ging es um die NS-Vergangenheit des Unternehmens und die Beschäftigung von Zwangsarbeitern während des Krieges. Noch 2012 tilgte man von einer Daimler-IP-Adresse aus Passagen zu Lobbying-Aktivitäten dieses Unternehmens. Von IP-Adressen, die zu BASF führten, wurden ebenfalls Abschnitte zu NS-Zwangsarbeitern getilgt. Der Wiki-Scanner konnte ermitteln, dass von IP-Adressen der CIA aus der Eintrag des damaligen iranischen Präsidenten Ahmadinedschad zu Fragen der nationalen Sicherheit verändert wurde. Von IP-Adressen des Vatikan aus wurde der Eintrag des irisch-republikanischen Sinn-Fein-Führers Gary Adams manipuliert.
SZ: Also geht es nicht nur um die Umformulierung und Aufhübschung der Einträge, es geht um Manipulation von Tatsachen?
Oppong: Ja. Es gibt inzwischen Berater und PR-Agenturen, die auf die Manipulation von Wikipedia spezialisiert sind und sich gezielt Einträge dort vornehmen.