Als Ernest Hemingway sich 1961 mit dem Jagdgewehr durch den Kopf schoss, um sein Leben zu beenden, wurde damals noch halbherzig über diesen Selbstmord berichtet (ich habe gerade Werner Schmitz‘ Neuübersetzung von „Fiesta“ aus dem Jahr 1926 mit für mich großem Gewinn gelesen). Selbsttötung stand unter moralischem Vorbehalt.
Nun hat sich der krebskranke deutsche Romancier Wolfgang Herrndorf erschossen. Sein letztes Buch wurde in den Feuilletons teilweise hoch gelobt. Erich Loest hat sich in Leipzig aus dem Fenster gestürzt. Wie einige Jahre vorher Gisela Elsner (Fritz J. Raddatz „Literarische Welt“, 28.12.13).
Zweifellos haben wir das Recht, uns das Leben zu nehmen. Kirche und Staat sind nicht mehr die Instanzen, die uns dies mit Aussicht auf Erfolg verbieten könnten. Aber es ist technisch und sozial prekär, Selbstmord zu begehen. Niederländische und schweizerische Selbstmord-Hilfe-Vereine könnten moralisch fragwürdig sein. Einerseits ist eine Selbsttötung ganz und gar privat und geht keinen etwas an, keiner darf sich einmischen und mir etwa das Leben nehmen. Andererseits trifft der Selbstmord gerade unsere Nächsten.
Fritz J. Raddatz schreibt: „Wer ist das, der sich das Recht herausnimmt, mir Hilfe zu untersagen bei einer Entscheidung, die nur ich – ich allein – treffen darf, zu verantworten habe? Müssen wir Aldi-Tüten über den Kopf ziehen, wie es dieser Tage mit Carrefour-Tüten ein Pariser Ehepaar im Hotel ‚Lutetia‘ tat – bürgerliche Menschen, er Offizier der Ehrenlegion, sie eine elegante Literaturprofessorin? Sie hinterließen einen Abschiedsbrief der bittersten Anklage gegen das inhumane, unchristliche Gesetz (auch des französischen Staates), sein Leben nicht selbstbestimmt und etwa mit ärztlicher Hilfe beenden zu können.“
Der ehemalige MDR-Intendant Udo Reiter, seit 1966 querschnittsgelähmt, hat bekundet, er wolle nicht gezwungen sein, sich eine Tüte über den Kopf zu ziehen oder sich vor den Zug zu werfen. „Ich möchte bei mir zu Hause, wo ich gelebt habe und glücklich war, einen Cocktail einnehmen, der mich dann sanft einschlafen lässt.“