3199: DDR-Bürgerrechtsbewegung – gespalten

Gesine Oltmanns, 55, hat 1989 die Leipziger Montagsdemos mit begründet. Da wurde gegen die DDR-Diktatur protestiert. Sie war zwischendurch Mitarbeiterin der Gauck-Behörde. Heute gehört sie als Vorstandsmitglied zur Stiftung „Friedliche Revolution“. Sie beteiligt sich an Protesten gegen Corona-Leugner. In einem Interview mit Antonie Ritzschel (SZ, 29.12.20) zeigt sie sich enttäuscht vom Auseinanderbrechen der DDR-Bürgerrechtsbewegung und davon, dass einige Bürgerrechtler heute „Querdenker“, Pegida und AfD unterstützen:

„Die Geschichte der friedlichen Revolution ist eine Erzählung von Solidarität und Gewaltfreiheit. Von großem Mut, den wir gemeinsam fanden, um Ängste zu überwinden – und schließlich ein System der Unterdrückung zu stürzen. Jetzt wird sie von antidemokratischen Kräften missbraucht, um Menschen zu manipulieren. Das macht mich wütend.“

„Die 89er, die Bürgerrechtler hat es nie gegeben. Dafür Leute, die sich sehr früh in der Friedens- und Umweltbewegung engagierten. Aber auch Menschen, die schlicht unzufrieden waren mit den Verhältnissen, von Reisefreiheit und vom Wohlstand des Westens träumten. Während die einen die DDR von innen heraus verändern wollten, glaubte ich, man könne die Leute mithilfe öffentlicher Aktionen dazu bringen, das System zu hinterfragen. Für mich hatte die DDR als sozialistischer Staat großes Potential, ich wollte Reformen – anders als die Antikommunisten, die eine Wiedervereinigung anstrebten. Wir waren also eine sehr heterogene Gruppe – uns einte das Ziel, den Staat in seiner damaligen Form zu beseitigen. Als es soweit war, haben wir uns auseinanderentwickelt. …“

„Bis heute gibt es kein Narrativ der Entwicklungen von ’89, das gemeinsam getragen wird. In Leipzig streiten sich Museen und Stiftungen darüber, ob die friedliche Revoltion ein abgeschlossenes historisches Ereignis ist oder ob daraus eine Verantwortung für heutige gesellschaftliche Debatten erwächst, die Aufgabe, demokratische Prozesse zu stärken. Ich glaube ja an Letzteres – und muss mir zuweilen den Vorwurf anhören, die Strahlkraft von ’89 zu relativieren.“

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