Im Alter von zehn Jahren wurde Jürgen-Arthur Goldschmidt 1938 von seinen Eltern nach Frankreich geschickt, um ihn vor den mörderischen Nazis zu beschützen. In einem Kinderheim in Savoyen und bei einem Bauern dort wuchs Goldschmidt auf und besuchte ein Internat. Davon handelt sein Roman „Der Spiegeltag“ (1982). Georges-Arthur wurde Franzose und unterrichtete an Pariser Gymnasien, bevor er als Schriftsteller und Übersetzer reüssierte.
Ein enges Verhältnis verbindet Goldschmidt mit Peter Handke, von dem er zwei Dutzend Werke ins Französische übersetzt hat. Umgekehrt hat Handke mehrere Publikationen Goldschmidts ins Deutsche übertragen. Beide sind in der deutschen Sprache aufgewachsen und leben ein französisches Leben.
In einer Reflexion behandelt Handke die Aufzeichnungen, die Goldschmidts Vater Arthur, der „vergessen“ hatte, seinen Sohn darauf hinzuweisen, dass er ein Jude sei, im Konzentrationslager Theresienstadt angefertigt hat. Er war Richter in Hamburg gewesen, die Familie war protestantisch und vollständig assimiliert. Davon handeln Goldschmidts Erzählung „Die Absonderung“ (1991) und seine Romane „Die Befreiung“ (2010) und „Der Ausweg“ (2014).
Berichte von einer erstaunlichen Rettung sind es nur auf der Oberfläche. Goldschmidt widmet sich literarisch den darunter liegenden, weitaus komplizierteren Verhältnissen. 1999 erschien „Als Freud das Meer sah“, 2006 „Freud wartet auf das Wort“. Dabei geht es natürlich um die Psychoanalyse. „Goldschmidt spürt den Wortstämmen, den Präfixen und den Satzbögen nach, um am Ende die Sprache selbst sprechen zu lassen, so als besitze eine jede eine eigene Natur, die es freizulegen und dadurch zu retten gelte. Die Seele, behauptet Freud, werde im Innersten aus zwei Empfindungen zusammengehalten, aus der Lust und aus dem Schmerz. Goldschmidt hat sein literarisches Leben um diese beiden Pole herum aufgebaut. Die Rettung und die Schuld, die beiden anderen Motive in seinem Werk, sind nur Varianten. Und so treibt er sich herum, im vagen, porösen, flüchtigen und in jeder Beziehung unsicheren Raum dazwischen, mal von dem einen, mal von dem anderen Pol angezogen.“ (Thomas Steinfeld, SZ 2.5.18)