1841: Lion Feuchtwangers „Moskau 1937“

Der aus einer großbürgerlichen bayerischen Familie stammende jüdische Schriftsteller Lion Feuchtwanger (1884-1958) war einer der erfolgreichsten und am meisten gelesenen deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Zunächst als Dramatiker: z.B. „Warren Hastings“, 1915, danach als Prosaist vor allem als Autor von historischen Romanen: z.B. „Jud Süß“ 1921/22, „Erfolg“ 1930, „Die Geschwister Oppermann“ 1933, „Exil“ 1939, „Goya“ 1951, „Die Jüdin von Toledo“ 1955.

Viele seiner Romane sind von prominenten Regisseuren in der DDR und in der BRD verfilmt worden (etwa Franz Seitz, Egon Monk, Konrad Wolf). Feuchtwanger schrieb im Exil gemeinsam mit Bertolt Brecht. Er floh vor den Nazis zunächst nach Frankreich (Sanary sur Mer), dann in die USA. Dort bildete er mit seiner Frau Marta ein Zentrum der deutschen „Kolonie“. Aus dem kalifornischen Exil ist er nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt.

Feuchtwanger war politisch links orientiert, wohl ohne Kommunist zu sein. Trotzdem verursachte er mit seinem Bericht über seine Moskaureise 1936/37 einen Skandal:

„Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde“ (1937).

Damit wollte Feuchtwanger wohl ein Gegengewicht gegen André Gides „Zurück aus Sowjetrussland“ (1937) schaffen, in dem die UdSSR scharf (von links) kritisiert wurde. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts war unter Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen die politische Idee der „Volksfront“ (Bündnis von Kommunisten und Sozialdemokraten) beliebt. Auch Feuchtwanger hing ihr an. So fühlte er sich wohl verpflichtet, die Moskauer Schauprozesse (1936-1938) anlässlich der großen stalinistischen „Tschistka“ (Säuberung) zu rechtfertigen. Er verteidigte die angebliche sowjetische Demokratie. Dafür wurde er von „Linken“ wie

Arnold Zweig und Klaus Mann

scharf kritisiert. Aber auch gelobt von

Ernst Bloch und Heinrich Mann.

Nun sind neue Dokumente zu Feuchtwangers Schrift aufgetaucht:

Hermann Hamann (Hrsg.): „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben“. Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation. Göttingen 2017, 456 S.

Der Hauptteil des Bandes versammelt verstörendes Archivmaterial. Höhepunkt ist die Aufzeichnung des Gesprächs von Feuchtwanger mit Josef Stalin im Januar 1937. Obwohl Feuchtwanger große Zweifel an den Moskauer Schauprozessen hatte, schrieb er über deren Opfer: „Die Taten der meisten dieser Männer sind todeswürdig.“

„Warum schrieb Feuchtwanger anders, als er dachte? Keine unbedeutende Rolle spielte die Anerkennung, die der eitle Mann in Moskau an höchster Stelle erfuhr. Vergessen werden darf auch nicht, dass sich seine ideologische Willfährigkeit auszahlte. Die Übersetzungen seiner Romane ins Russische garantierten dank riesiger Auflagenzahlen hohe Summen, davon abgesehen konnte sich Feuchtwanger auch über manche überraschende Rubelüberweisung freuen. Am wichtigsten war jedoch das Solidarität erzeugende Argument, wer die Errungenschaften der Sowjetunion und seines Führers Stalin kritisiere, leite Wasser auf die Mühlen des Faschismus. Dass dieses erpresserische Argument totalitär sei, jedes Mittel rechtfertige, jede Kritik unterdrücke, focht Feuchtwanger auch nach dem Ende des Weltkriegs und trotz der Enthüllungen des XX. Parteitags /(1956)/ nicht an.“ (Thomas Medicus, SZ 13./14.1.18)

Ich habe gerade gelesen

Wilhelm von Sternburg: Lion Feuchtwanger. Die Biographie. Berlin 2014, 543 Seiten.

Darin wird Feuchtwanger literarisch und politisch insgesamt gut beurteilt. Im Hinblick auf „Moskau 1937“ aber ist sich von Sternburg ganz sicher in seiner Kritik.

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