Im Göttinger Wallstein Verlag erscheint das Werk Irmgard Keuns.
Irmgard Keun: Das Werk. Hrsg. von Heinrich Detering und Beate Kennedy. Mit einem Essay von Ursula Krechel. Göttingen 2017, drei Bände, insg. 2044 Seiten, 39 Euro.
Damit wird eine Autorin (1905-1982) gewürdigt, die weithin Außenseiterin war, nie ganz zum Kern des Literaturbetriebs gehörte, den Anforderungen bürgerlicher Wohlanständigkeit nicht ganz genügte und nach 1945 fast vergessen worden wäre. Irmgard Keun war gegen Ende ihres Lebens Alkoholikerin, sie verbrachte die Jahre 1966 bis 1972 in der Psychiatrie. Vor lauter politischer Korrektheit hätte ich hier beinahe unerwähnt gelassen, dass Irmgard Keun von 1936 bis 1938 in Ostende (Belgien) die Geliebte von Joseph Roth war.
Nach der mittleren Reife hatte die Berlinerin Keun als Stenotypistin gearbeitet. Im Milieu der Angestellten kannte sie sich bestens aus. Anfang der dreißiger Jahre war Irmgard Keun kurze Zeit verheiratet. Die Familie zog dann nach Köln um. Ihr Thema wurden zunächst die frischen, frechen, emanzipierten jungen Frauen, die sich allerdings weiterhin in ihrem Leben an Männern orientierten (also den gegenwärtigen LGBTT*-Anforderungen nicht entsprachen). 1931 erschien der Roman
„Gilgi, eine von uns“
1932
„Das kunstseidene Mädchen“.
Das interpretierten die Nazis als „Asphaltliteratur“ und verboten es. Alfred Döblin und Kurt Tucholsky förderten sie. Die Aufnahme in die Reichsschriftumskammer wurde endgültig 1936 abgelehnt. Irmgard Keun musste emigrieren. Zunächst nach Ostende in Belgien, dann in die Niederlande. Sie gehörte zum Kreis um Egon Erwin Kisch, Hermann Kesten, Ernst Toller und Joseph Roth, einer literarischen Elite im Exil.
Irmgard Keun wird zur „Neuen Sachlichkeit“ gezählt. Ihr Stil orientiert sich an der gesprochenen Sprache und am Kino. „Aber ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird es noch mehr sein“, heißt es im „Kunstseidenen Mädchen. In regelmäßiger Folge erschienen
„Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ (1936),
Nach Mitternacht“ (1937),
„D-Zug dritter Klasse“ (1938).
Meisterhaft verknüpft Irmgard Keun Lebensläufe, Politisches, menschliche Bosheit, Feigheit, Illusionen, Geschwätz, Wichtigtuerei. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Niederlande ging sie 1940 nach Deutschland zurück und lebte im Untergrund im Haus ihrer Eltern („Ich kann überhaupt nicht beschreiben, wie grau und trostlos und schauerlich ich Deutschland fand.“). Nach 1945 wollte sie an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg anknüpfen. Aber das gelang ihr nicht mehr ganz. Sie arbeitete für den WDR und plante literarische Projekte gemeinsam mit Heinrich Böll. 1950 erschien
„Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“.
1951 wurde die Tochter Martina geboren. Irmgard Keun lebte teilweise in Armut, sie wurde krank. Eine Lesung in Köln und ein Porträt im „Stern“ sorgten dann Anfang der siebziger Jahre für die Wiederentdeckung Irmgard Keuns. Durch Neuauflagen verbesserte sich ihre finanzielle Lage.
Irmgard Keun neigte zu „Selbstinszenierungen“. Ihre Biografin Hiltrud Häntzschel schreibt dazu: „Irmgard Keun hatte zur Wahrheit ihrer Legensumstände ein ganz spezielles Verhältnis: mal aufrichtig, mal leichtsinnig, mal erfinderisch aus Sehnsucht nach Erfolg, mal phantasievoll aus Lust, unehrlich aus Not, mal verschwiegen aus Schonung.“ Ende der siebziger Jahre wurde Irmgard Keun von der feministischen Literaturkritik wiederentdeckt. 1937 hatte sie an einen Freund geschrieben: „Gott verzeih mir die Sünde – aber ich kann wirklich schreiben.“ Das stimmt.