1424: „Der Spiegel“ – 70 Jahre alt

Volker Lilienthal, der Inhaber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg, schreibt über den „Spiegel“, der 70 Jahre alt wird (SZ 5./6.1.17). Lilienthal hatte 2009 in Göttingen auch die „deutschen Diskurse“ moderiert. 1947 war ein „Magazin“ für Deutschland neu. Es hielt sich von Anfang an nicht an die von den Westalliierten eingeführte

Trennung von Nachricht und Meinung,

die für Tageszeitungen galt und gilt, sondern gab sich vom Start weg als

meinungsstark, süffisant, von Werturteilen durchtränkt und von starken Personen geprägt.

„Der Spiegel“ unterstützte die junge Bundesrepublik als ihr kritischer Begleiter. Im Zweifelsfall links. Sein Begründer Rudolf Augstein, der seinerzeit erst 23 Jahre alt war, erwarb sich große publizistische Meriten. Bis er 1962 für 103 Tage in den Knast musste, weil sein Blatt von der Bundesregierung des Landesverrats bezichtigt wurde. Zu Unrecht, wie sich herausstellte. Nach der „Spiegel“-Affäre war die Bundesrepublik Deutschland eine andere Republik als vorher.

Der „Spiegel“-Stil bestand aus einer journalistisch gekonnt präsentierten Mischung aus Fakten und Meinungen. Die große Stärke des „Spiegels“ lag in seiner Recherche-Leistung. Das könnten wir in einer Zeit der gezielten Propaganda-Lügen wieder sehr gut gebrauchen. „Bedingt abwehrbereit“, die Flick-Affäre und der Neue-Heimat-Skandal waren wichtige vom „Spiegel“ aufgedeckte Affären. Seinerzeit waren die „Spiegel“-Hefte wegen der vielen Anzeigen viel dicker als heute. Bis zu 300 Seiten.

War der „Spiegel“ damals politischer als heute? Das ist nur ein Missverständnis angesichts der teilweise radikal veränderten gesellschaftlichen Strukturen. In den achtziger Jahren etwa war das „Nachrichtenmagazin“ grün inspiriert („Waldsterben“) und trug zum ökologischen Umbau der Gesellschaft bei. Es blieb meist mutig und färbte auf andere Massenmedien in Deutschland ab („Asyl für Snowden“ 2013, „Stoppt Putin jetzt!“ 2014).

In den letzten Jahren hat auch der „Spiegel“ an Auflage und Anzeigen verloren, es hat sogar betriebsbedingte Kündigungen gegeben. Unverzichtbar aber bleibt das Blatt in Zeiten des Rechtspopulismus und Neo-Rassismus als kritische Instanz der Aufklärung. „Der Spiegel“ darf den Kontakt zu den „einfachen Leuten“ nicht verlieren. Dann könnte er sogar zu einer neuen Politisierung der Gesellschaft beitragen. Volker Lilienthal sieht erste Anzeichen dafür.

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