1398: Siegfried Kracauer – vor 50 Jahren gestorben

1966 starb Siegfried Kracauer (geb. 1889) in New York. Er war ein sehr wichtiger Soziologe, Journalist, Filmtheoretiker und Philosoph, obwohl er heute kaum noch bekannt ist. Seine wichtigsten Schriften tragen Titel, die aktuell manchmal noch starke Emotionen in Gang bringen und Kracauer als

Medientheoretiker

kennzeichnen: Soziologie als Wissenschaft 1922/ Das Ornament der Masse 1927/ Die Angestellten 1930/ Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit 1937/Von Caligari zu Hitler 1947/Theorie des Films 1960.

Von ihm kennen wir den unvergesslichen Aufsatz „Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino“.

Siegfried Kracauer stammte aus kleinbürgerlichen Frankfurter Verhältnissen und hatte zunächst Architektur (1907-1914) studiert, um keine brotlosen Künste zu betreiben. In Berlin kam er in Kontakt mit dem Soziologen Georg Simmel (1858-1918), von dem er lernte, dass soziale Studien mehrdimensional angelegt sein sollten. Kracauer hatte ein Leben lang Vorbehalte gegen zu einfache, alles erklärende Theorien, gegen Ideologien.

In Frankfurt stand er in Kontakt mit dem Freien Jüdischen Lehrhaus und mit dem Institut für Sozialforschung. Hier besonders mit Theodor W. Adorno (1903-1969), der ein lebenslänglicher, aber nicht unkritischer Gesprächspartner für Kracauer blieb. Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs arbeitete Kracauer für die „Frankfurter Zeitung“, hauptsächlich im Feuilleton und als

Filmkritiker.

Er betrachtete sich als Gesellschaftskritiker. 1927 publizierte Kracauer „Das Ornament der Masse“, worin er in Vorwegnahme von Horkheimer/Adornos „Dialektik der Aufklärung“ (1946) herausarbeitete, dass die moderne Technik als Produkt der Aufklärung nicht automatisch mit Vernunft gekoppelt ist. 1930 ging Kracauer nach Berlin. Hier erschien seine Monographie „Die Angestellten“, in der Kracauer in Abweichung von einer einfachen Klassenanalyse erstmals die Relevanz der Angestelltenschicht für die Politik erläuterte. Kracauer war ein scharfer Beobachter der gesellschaftlichen Verhältnisse am Ende der Weimarer Republik. Sein Roman „Georg“ reflektiert seine zunehmende Isolation auch in der Redaktion angesichts des um sich greifenden Antisemitismus.

1933 floh Kracauer mit seiner Frau nach Paris. Hier publizierte er die Biografie Jacques Offenbachs. Im Auftrag des Instituts für Sozialforschung analysierte er die Propaganda des Nationalsozialismus. Für den Untergang der Weimarer Republik konstatierte er ein Geflecht von spezifisch deutschen Voraussetzungen: schwaches bürgerliches Selbstbewusstsein, fehlende parlamentarische Tradition, Zusammenbruch der Monarchie 1918. Kracauer gab den Mittelschichten die Hauptverantwortung für Hitlers Aufstieg. Das deckt sich vollkommen mit den Wahlergebnissen in Deutschland bis 1933. Die gesellschaftliche Mitte verschwand, es blieben die Nationalsozialisten und die Deutschnationalen sowie KPD und SPD.

1941 erreichten Kracauers zu ihrem Glück New York. Hier wurde Kracauer Mitarbeiter des Museum of Modern Art in der Filmabteilung. Dort konnte er sein wichtigstes Buch

„Von Caligari zu Hitler“

schreiben, das 1947 erschien. Kracauer nimmt an, dass die Filme der Weimarer Republik die Mentalität der Deutschen unvermittelter reflektieren als andere Medien. Denn Filme seien niemals das Produkt eines Individuums. Zweitens richteten sich Filme an eine anonyme Masse, deren Bedürfnisse auf lange Sicht die Filme bestimmten.

„Was die Filme reflektieren, sind weniger explizite Überzeugungen als psychologische Dispositionen – jene Tiefenschichten der Kollektivmentalität, die sich mehr oder weniger unterhalb der Bewusstseinsdimensionen erstrecken.“ Diese These belegte Kracauer an sehr vielen Beispielen. Damit hatte er eine plausible Erklärung dafür geliefert, weshalb weite Kreise zu den Nazis überliefen, ohne dass Kracauer einen feststehenden Nationalcharakter annahm. Er hatte sich befasst „mit dem psychologischen Grundmuster eines Volkes in einer eingegrenzten Zeit“. Dies bleibt Kracauers Verdienst, auch wenn viel später Bedenken geäußert wurden über die doch erst nachträgliche Analyse. Etc. Volker Schlöndorff schrieb 1980: „Vielleicht haben wir doch so einen verdammten Nationalcharakter, den Kracauer nicht wahrhaben wollte.“ Kracauers Buch erschien 1958 bei Rowohlt in einer verstümmelten und verfälschten Version. Es blieb Karsten Witte 1979 vorbehalten, Kracauer korrekt zu publizieren.

1960 (deutsch 1964) kam Kracauers „Theorie des Films. Die Errettung der physischen Realität“ heraus. Das war spät und enttäuschte seinerzeit schon viele. Um so mehr erscheint sie heute obsolet, wo wir uns unter konstruktivistischem Denken angewöhnt haben zu fragen, wie die Wirklichkeit konstruiert wird. Kracauer: „Indem der Film die physische Realität widergibt und durchforscht, legt er eine Welt frei, die niemals zuvor zu sehen war, … So merkwürdig es klingt: Straßen, Gesichter, Bahnhöfe usw., die doch vor unseren Augen liegen, sind bisher weitgehend unsichtbar geblieben. … Der wirklich entscheidende Grund für die Fremdheit physischer Realität liegt in unserer Gewöhnung an abstraktes Denken unter der Herrschaft von Wissenschaft und Technik.“

Nach 1945 kam Siegfried Kracauer viele Male nach Deutschland. Er wurde aber nicht zurückgerufen, von keiner Universität, von keiner Zeitung … Es ist fraglich, ob Kracauer gekommen wäre. Denn, wie er in einem Brief an Leo Löwenthal schrieb, er traute den Deutschen nicht mehr. Seine Mutter war in Theresienstadt ermordet worden. Ich stelle mir nur vor, wie belebend ein nach Deutschland zurückgekehrter Siegfried Kracauer hier auf das politische und kulturelle Klima gewirkt hätte.

Jetzt ist die erste Biografie über Kracauer erschienen:

Jörg Später: Siegfried Kracauer. Eine Biografie. Berlin (Suhrkamp) 2016.

 

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