In der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft nach 1945 ist Jürgen Habermas Habilitationsschrift
„Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962)
eines der wichtigsten Bücher. Darin wird untersucht, wie eine wirklich freie gesellschaftliche Kommunikation zustandekommt. André Kieserling (FAS 20.11.16) hat Habermas‘ Erkenntnisse mit den Befunden der Soziologin Sherry Cavan (1938-2016) in ihrem Buch
„Liquor License: An Ethonography of Bar Behavior“ (1966)
konfrontiert.
Zunächst das idealtypische Gespräch bei Habermas: „Mitglieder aller Schichten müssten teilnehmen dürfen, und die dann unvermeidlichen Statusdifferenzen dürften kommunikativ keine Rolle spielen. Außerdem wäre es hilfreich, …, wenn die Beteiligten füreinander Fremde wären, damit nicht etwa die Rücksicht auf die guten Beziehungen die offene Diskussion hindert. Und natürlich müssten auch alle Berufsrollen zu einem bloßen Gesprächsthema neutralisiert werden: Sie dürfen also über wirtschaftliche Interessen sprechen, nicht aber als deren Lobbyist auftreten, oder über das politische Tagesgeschehen, nicht aber im Namen dieser oder jener Partei.“
Sodann die Menschen in Sherry Cavans Bar: „Die Gäste am Tresen entstammen sehr verschiedenen Statusgruppen und begegnen einander dennoch auf gleicher Augenhöhe. So darf jeder jeden ansprechen, und auch die üblichen Symbole der Unansprechbarkeit können davor nicht schützen: Wer sich hinter einem Buch versteckt, den darf man jederzeit fragen, was er da liest. Das ist natürlich nur erträglich, wenn man solche Anträge auch taktvoll ablehnen kann, sei es sofort, sei es nach kurzer Probezeit. Viele Gespräche enden daher schon bald, aber dafür verrät jede längere Gesprächsdauer auch wirkliches Interesse.“
Ergebnis: „Der eigentlich interessante Befund betrifft nun die Themenwahl dieser kommunikativen Idylle: Statt vernünftige Meinungen über Themen von allgemeiner Bedeutung zu bilden, hört man Cavan zufolge nur Smalltalk. Gegen Habermas müsste man daher festhalten: Wenn die Mitglieder der modernen Gesellschaft wirklich einmal als Menschen kommunizieren statt nur als Rollenträger, dann haben sie einander nur wenig Gehaltvolles zu sagen.“